Thüringen
Festnahmen bei Demonstration gegen NPD-Kundgebung
Wasserwerfer: Polizeieinsatz löst eine politische Kontroverse aus
erstellt 17.04.05, 15:22h
Erfurt/dpa. Der Polizeieinsatz bei einer Demonstration gegen
Rechts mit rund 300 Menschen in der Erfurter Innenstadt hat in
Thüringen eine politische Kontroverse ausgelöst. Bei der
Protestveranstaltung am Samstag war es zu Auseinandersetzungen mit
der Polizei gekommen. Als linke Gegendemonstranten die etwa 60
Teilnehmer einer NPD-Kundgebung mit Eiern und Flaschen bewarfen,
setzte die Polizei zwei Wasserwerfer ein. 19 Menschen wurden
festgenommen. Die Landtagsopposition von PDS und SPD sowie der DGB
Mittelthüringen kritisierten das Vorgehen als völlig überzogen und
forderten eine lückenlose Aufarbeitung des Polizeieinsatzes.
PDS und SPD kündigten zudem zur nächsten Landtagssitzung eine
kritische parlamentarische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen
an. Die CDU warnte beide Parteien davor, «sich in irgendeiner Form
mit Steinewerfern zu solidarisieren».
Die Polizei sprach von gewaltbereiten Gegendemonstranten. Die zum
Teil stark angetrunkenen Störer seien zuvor mehrfach gewarnt worden,
sagte ein Polizeisprecher. 14 linke Gegendemonstranten sowie fünf
Teilnehmer der NPD-Kundgebung wurden festgenommen. Die Festnahmen
seien unter anderem wegen Widerstands gegen Polizeibeamte, Verstöße
gegen das Versammlungsrecht sowie versuchter Körperverletzung
erfolgt.
SPD-Landtagsfraktionschef Christoph Matschie bezeichnete den
Polizeieinsatz als «skandalös». Die Polizei hätte die Gruppe der
Randalierer isolieren müssen und nicht gegen alle Demonstranten
vorgehen dürfen, unter denen auch Landtagsabgeordnete waren. Matschie
erwarte eine Entschuldigung des Innenministers. PDS-Fraktionschef
Bodo Ramelow sagte: «Der Polizeieinsatz ist denen, die gegen Neonazis
protestierten, in den Rücken gefallen und hat den
parteiübergreifenden Stadtratsbeschluss ad absurdum geführt.» Vier
PDS-Landtagsabgeordnete kritisierten ferner, es habe so gut wie keine
Deeskalationsmaßnahmen gegeben.
CDU-Generalsekretär Mike Mohring sagte, zwischen den
demokratischen Parteien müsse ein Grundkonsens darüber herrschen,
dass man den «Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben» dürfe. Wer
Rechtsextremisten mit Eier- und Steinwürfen bekämpfen wolle, begebe
sich auf das Niveau der Neonazis. Solche Aktionen könnten Demokraten
nicht tolerieren. Der Landesvorsitzende der Jungen Union, Mario
Voigt, sagte: «Man kann einerseits nicht ständig fehlende
Polizeipräsenz bemängeln und andererseits das konsequente Vorgehen
als unverhältnismäßig brandmarken.»
Die Thüringer Jusos forderten hingegen den Rücktritt von
Innenstaatssekretär Stefan Baldus. Der DGB Mittelthüringen erklärte,
Zivilcourage gegen Nazis dürfe nicht bestraft werden. Zu dem Protest
gegen die NPD-Kundgebung hatten unter anderem Parteien,
Gewerkschaften und Verbände aufgerufen. Oberbürgermeister Manfred
Ruge (CDU) hatte bewusst auf bürgerliches Engagement statt auf ein
Verbot der Kundgebung gesetzt, die mit Auflagen belegt worden war.
Die Demonstranten protestierten mit roten Karten, weißen Rosen und
Trillerpfeifen gegen Rechts.
Die Polizei war in Erfurt nach den Pannen der Vergangenheit mit
einem starken Aufgebot vor Ort. Zur genauen Einsatzstärke wurden
keine Angaben gemacht. Am 2. April hatte die Polizei ein
verbotenes Skinhead-Konzert nach einem Parteitag der rechtsextremen
NPD in Pößneck (Saale-Orla-Kreis) wegen fehlender Einsatzkräfte nicht
auflösen können.






























