Energiepolitik
BDI-Präsident will längere Laufzeiten für Atomkraftwerke
Politiker von Union und FDP springen auf den Vorschlag der Wirtschaft an
VON Sibylle Quenett und Stefan Sauer, 01.02.05, 20:37h, aktualisiert 01.02.05, 21:55h

Wie weiter mit der Atomenergie? Die Wirtschaft möchte die Kernkraftwerke länger in Betrieb lassen, als es Rot-Grün beschlossen hat. (Foto: dpa)
Berlin/MZ. In deutschen Wirtschaftskreisen wird der Ruf nach einem späteren Ausstieg aus der Atomenergie laut. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann, forderte die Verlängerung der Restlaufzeiten für Atomkraftwerke. Der Bundestag hatte mit rot-grüner Mehrheit beschlossen, keinen Kernkraftwerk-Neubau mehr zu genehmigen und die Laufzeiten auf 32 Jahre zu beschränken. In Kreisen der Union und der FDP fand Thumanns Initiative Zustimmung. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, schloss sich der Forderung an.
Der umweltpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Paziorek, sagte der MZ, er sei kein Anhänger des Neubaus von Atomkraftwerken. Dafür sei der planungsrechtliche Aufwand viel zu groß. Er sei aber offen für eine realistische Verlängerung der Laufzeiten der noch bestehenden 18 Kernkraftwerke auf bis zu 50 Jahre. Entscheidend sei die technologische Zuverlässigkeit. Die deutschen Meiler seien für eine Betriebsdauer von 40 Jahren geplant.
Wie Paziorek betonte auch die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gudrun Kopp, es komme auf einen Energiemix von fossilen und erneuerbaren Energien sowie der Kernkraft an. Kopp sprach sich für eine Verlängerung der Laufzeiten auf 40 Jahre aus. Der Bau neuer Atomkraftwerke stehe nicht an. Beide Oppositionspolitik sagten, dass aus Gründen des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit Deutschland weiter auf Kernkraft angewiesen sein werde.
Der SPD-Umweltexperte Hermann Scheer hielt dagegen, es gebe aus gesamtwirtschaftlicher Sicht keinerlei Grund für die Verlängerung der Laufzeiten. "Es sind verlogene Behauptungen, wenn Klimaschutz und künftiger Energiebedarf als Begründung für längere Laufzeiten angeführt werden", sagte Scheer dieser Zeitung. Der SPD-Politiker, der 1999 den alternativen Nobelpreis für sein Engagement für erneuerbarere Energien erhielt, sprach von einem "Kampf der Versorgungsstrukturen".
Begrenzte Uranvorräte
Die Kraftwerksbauer und -betreiber seien am Erhalt großer Anlagen interessiert und würden gegebenenfalls die Verlängerung der Laufzeiten dazu nutzen, "an alten Standorten neue Atomkraftwerke zu installieren, indem zentrale Bauelemente nach und nach ausgewechselt werden". In den USA habe sich die Atom-Lobby bereits durchgesetzt und für 60 AKW eine Verlängerung der Gesamtlaufzeit von 40 auf 60 Jahre erwirkt. Sollte sich die Leistung der erneuerbaren Energien Wind-, Solar-, Bio- und später Erdwärmekraft im gleichen Tempo wie in den vergangenen fünf Jahren erhöhen, könne deren Anteil am deutschen Strombedarf bis 2020 von heute zehn auf bis zu 50 Prozent steigen. Die weltweiten Uranvorkommen dagegen seien bei gleichleibender Nachfrage bereits in 50 Jahren erschöpft.






























