Topthemen
Berlin

Proteste bei Lesung von Täve Schur

VON CHRISTIAN ELSAESSER, 06.08.11, 18:28h, aktualisiert 07.08.11, 20:02h
Täve Schur
DDR-Radsportlegende Gustav-Adolf Täve Schur schaut durch ein Hinterrad eines Diamantfahrrades durch die Speichen. (ARCHIVFOTO: DPA)
Bild als E-Card versenden Bild als E-Card versenden
BERLIN/MZ. Er wurde als Sportler des Jahrhunderts gekürt, war eine Ikone des DDR-Sports. Doch immer mehr wird Täve Schur zur traurigen Gestalt, wenn es um den Umgang mit Sport-Geschichte geht. Ende voriger Woche ist es nun in Berlin zu einem Eklat bei einer Lesung gekommen. Während der 80-Jährige aus seinem Buch "Der Ruhm und ich" las, sprangen die Doping-Opfer Uwe Trömer und Andreas Krieger auf und protestierten lautstark gegen Aussagen von Schur. Der Sportinformationsdienst schreibt, Auslöser der Proteste sei der Satz gewesen: "Den DDR-Sport als kriminelle Vereinigung hinzustellen, geht mir ans Herz". Daraufhin soll Trömer, zu DDR-Zeiten Bahnradfahrer, gerufen haben: "Ich litt durch Doping an beidseitigem Nierenversagen, hatte schwarzen Urin. Ich war zehn Stunden vom Tod entfernt. Und Sie sagen, das war kein Unrechtssystem?" Trömer ergänzte: "Es war richtig, Sie nicht in die ,Hall of Fame’ aufzunehmen."

Schur soll die Zwischenrufe während der Lesung ruhig zur Kenntnis genommen haben. Der "Tagesspiegel" zitiert seine Reaktion: "Sie haben mein persönliches Beileid. Doping muss bekämpft werden. Aber bitte, deswegen muss man doch das System nicht als kriminell darstellen."

Dieser letzte Satz entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Den DDR-Sport als grundsätzlich kriminell darzustellen, ist natürlich Unsinn, weil undifferenziert. Problematisch ist nur, dass Schur in dem Buch "Der Ruhm und ich", das er als Antwort auf seine Nichtaufnahme in die Ruhmeshalle des deutschen Sports geschrieben hat, selbst zu genau solcher undifferenzierter Darstellung greift. Verkürzt formuliert, ist sein Buch ein Gegeneinanderschneiden vieler Fan-Zuschriften, die Schur nach seiner Ablehnung erhalten hatte, und diverser Zeitungsartikel, die sich mit ihm vor allem wegen seines glorifizierenden DDR-Bildes kritisch auseinandergesetzt haben. Ebenso verkürzt kann man zusammenfassen: Alle Fans sind intelligente Menschen, alle Journalisten dumme Miesmacher.

Dass Schurs DDR-Bild zur Ablehnung in der Hall of Fame geführt hat, ist zwar nicht offiziell, man darf es aber annehmen. Er selbst tut dies - und liefert mit seinem Buch, gewollt oder ungewollt, ein Dokument, dass diese Begründung stützt. Es gipfelt auf der viertletzten Seite in seiner Ausführung, die DDR werde als zweite deutsche Diktatur ins Fenster gestellt. "Zum Beispiel wegen des MfS, das diese Diktatur mit brutaler Unterdrückung verwaltet haben soll. Weil diese Behauptung täglich wiederholt wird, suchte ich mal nach Fakten, die das belegen können." Es folgt eine wirre Rechnung, dass nur 0,02 Prozent aller Offiziere und Inoffizieller Mitarbeiter wegen Straftaten verurteilt worden seien. Man kann sich vorstellen, wie solche Argumente auf Opfer der DDR wirken müssen.


Mehr lesen Sie täglich in Ihrer Mitteldeutschen Zeitung oder werden Sie E-Paper-Abonnent. JETZT BESTELLEN!
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

    
    






Anzeige
Anzeige
facebook twitter    studiVZ    meinVZ
Sachsen-Anhalt-Wiki