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Seychellen: Karneval am Traumstrand

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 21:23 Uhr
Traumstrände am türkisblauen Meer ziehen Besucher aus aller Welt an. (FOTO: LÄDTKE) 
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Sind das die Seychellen oder ist das Laramie? Auf Mahé, der Hauptinsel des türkis-grünen Garten Eden im Indischen Ozean, erinnert das Flugplatzgebäude am Fuß der blauen Berge an die Attrappe für eine Wildwestserie. Nur eine Formation Soldaten widmet sich beim Karnevalsumzug drohenden Piratenüberfällen auf dem Meer.
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Halle (Saale)/MZ. 

Sind das die Seychellen oder ist das Laramie? Auf Mahé, der Hauptinsel des türkis-grünen Garten Eden im Indischen Ozean, erinnert das Flugplatzgebäude am Fuß der blauen Berge an die Attrappe für eine Wildwestserie. Nein, hier reiten nicht Jess Harper und Slim Sherman, hier ist es still und friedlich. Auch beim Insel-Karneval in Viktoria preschen keine kostümierten Revolverhelden durch die mit 35 000 Seelen angeblich kleinste Hauptstadt der Welt. Nur eine Formation Soldaten widmet sich beim Umzug drohenden Piratenüberfällen auf dem Meer.

Lieben, lachen, leben. Nach 35 Jahren sozialistisch verordneter Abstinenz dürfen die Seychellios vom 8. bis 10. Februar ihren Karneval zum zweiten Mal in großem Stil zelebrieren. Vom lokalen Spektakel sei das Fest aufgestiegen zu einer Plattform für das "friedliche Zusammenkommen vieler Nationen" sagt ihr Staatspräsident. Mag sein, dass diesen sympathischen Anspruch Tourismus-Strategen in das Redemanuskript des Politikers notiert haben. Aber wo könnte so ein Anliegen glaubhafter vertreten werden als auf einem Fleck Erde, den die Welt "paradiesisch" nennt?

Mit nackter Haut, knallbunten Choreografien, schrillen Klamotten und lauter Bum-Bum-Musik soll das bislang provinzielle Volksfest auf Mahé fortan größer und mit internationalem Anspruch vermarktet werden. Für 2013 haben die Insel-Touristiker erneut Gruppen aus aller Welt zum "Carnival International de Victoria" gerufen. Die Hüften und Beine schwingenden Frauen und Männer aus Trinidad, Indonesien, Madagaskar, Le Réunion oder von den Komoren als "Narren" zu bezeichnen, wäre allerdings respektlos. Verhohnepiepelte Politiker aus Pappmaché oder freche Politkommentare auf Themenwagen sind den Insulanern fremd.

Endlich wieder Karneval. Auf dieses Comeback hatte sich Lafea gefreut. An der Independent Street besitzt sie eine von zwei Dutzend Souvenirbuden. Bevor in Viktoria der Zug auf der Hauptstraße zwischen Kreisverkehr und britischem Uhrturm tobt, verkaufen sich Strandmode, Schmuck, Gewürze oder bemalte Taschen besonders gut. 3 000 Menschen drängeln sich bei 28 Grad Celsius und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit verschwitzt aber guter Dinge auf der Parademeile. Lafea fingert ihren Lippenstift aus einem Goldtäschchen und modelliert den Mund zu einem knallroten Herzchen. Aus der Ferne naht das Bum-Bum von Trommeln und Pauken, das Trillern und Schmettern von Pfeifen und Trompeten. Dann brandet Jubel auf. Von der 5th June Avenue schwenkt der Zug am Freedom Square auf die menschengesäumte Hauptstraße.

Vor der Ehrentribüne am Nati-onalmuseum legen sich die Rhythmusgruppen besonders ins Zeug. Showtime. Die Darsteller laufen zur Hochform auf, Hüften und Oberweiten vibrieren und schaukeln zum Reggae-Sound. Während ein Feuerspucker im Trommelfeuer unermüdlich flammende Wolkenschwaden in die tropische Luft faucht, buhlen witzig geschmückte Motivwagen und Karibikschönheiten um die Gunst des Publikums. Rasseln scheppern, glamouröse Tänzerinnen wirbeln über den Asphalt. Einer schnellen "Samba D'Amore" folgt eine Rumba im 4 / 4-Takt. Plötzlich mischen sich in das frenetische Treiben Pfiffe, Buhrufe und Befehle wie auf dem Exerzierplatz. Die Missfallsbekundungen gelten jedoch nicht den in Kampfmontur marschierenden Soldaten der "Seychelles People's Defense Forces", sondern der "beschlagnahmten" Piratenjolle, die ein aus Holz gezimmerter Marinekreuzer im Schlepptau hat. Als die Seychellen im 18. Jahrhundert noch unbewohnt waren, dienten sie Freibeutern als Stützpunkt. Bis heute suchen Abenteurer nach einem Schatz des Seeräubers Olivier le Vasseur, der auf einer der 118 Seychellen-Inseln versteckt sein soll, verrät Lafea und spendet dem martialisch auftretenden, aber freundlich lächelnden Schutzkommando Beifall. Morgen werden sie wieder vor den Seychellen patrouillieren.

Es ist Abend geworden. Der purpurne, rot-violette Himmel über Viktoria hat sich für das Finale der Kostümparty schick gemacht. Eine Salsa-Kapelle mit drallen Tänzerinnen entzückt die letzten in Restaurants schlendernde Zuschauer. Nur für Lafea ist die Party nicht zu Ende. Es warten Freunde, eine Kühlbox und Gitarre. Sie wollen zum Strand und lieben, lachen, leben.

Zahlungskräftige Urlauber aus Europa zeigten dem Comeback des Seychellen-Karnevals bislang noch die wohlgebräunte Schulter. Für sie sind die Eilands 500 Kilometer südlich des Äquators ein Kurzzeit-Exil auf der Flucht vor grauen Wintertagen: Ein Platz zum Faulenzen, ein Ort für Robinson-Träume an weißen Bilderbuchstränden mit puderweichem Sand. Aber Vorsicht beim Erwachen ohne Sonnenbrille! Auf Mahés nur 15 Quadratmeter großer Nachbarinsel La Digue, wo sich in der Lagune Anse Source d'Argent die kobaltblaue Südsee mit einem weiß blendenden Strand zu einem Gemälde aus Licht und Farbe vereint, treibt die Schönheit sogar Tränen in die Augen.

Palmen, Takamakabäume und von Wind und Regen rund geschliffene bizarre Granitformationen erheben sich über das klare Nass der flachen, warmen Badewanne, in der erst 30 Meter jenseits vom Ufer das Wasser allmählich bis zum Hals steht. Dieser Naturidylle nähern sich Besucher am besten zu Fuß, mit Ochsenkarren oder Fahrrad. Vom kleinen Landungssteg La Passe zum Strand sind es nur zwei Kilometer. Radler und Fußgänger passieren auf dem Weg einen 700 Millionen Jahre alten Monolith. In einem Gehege am Fuße des wuchtigen schwarzen Felsens betteln einige der größten und ältesten Riesenschildkröten der Seychellen um Streicheleinheiten am lang gestreckten Runzelhals.

Auf dem Archipel von Zeit zu reden, heißt von Jahrtausenden und Jahrmillionen zu sprechen. Auf Praslin führt in einem Hochtal ein schattiger Rundpfad zurück in die Urzeit. Vor 40 Jahren richtete die Regierung das Naturschutzgebiet Vallée de Mai ein. Ein warmer, erdiger Geruch liegt in der Luft des alten Dschungels. In die Stille mischt sich in 40 Meter Höhe das Knarzen schaukelnder Blattfächer der kerzengeraden Coco-de-Mer-Palme. Ranger und Broschüren begleiten Wanderer auf dem Glacis Noire Trail durch das grüne Welterbe zu den gewaltigsten "Paradiesäpfeln" der Erde: Die Riesennuss Coco de Mer reift an 7 000 Bäumen in bis zu 20 Kilo schweren Samen. Manchmal pfeift ein Schwarzpapagei durchs Geäst, als die Rangerin erklärt, dass diese von Sagen umwobene Meereskokosnuss nur noch auf Praslins Nachbarinsel Curieuse wächst. Warum das so ist, wisse kein Mensch.

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