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Rostock: Darwins Zeugen

Uhr | Aktualisiert 22.11.2012 18:01 Uhr
Die große Tropenhalle ist das Highlight des Darwineums. (FOTO: EICHLER) 
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Eine neue Naturerlebnis- und Wissenswelt bündelt 500 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte im Rostocker Zoo.
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Halle (Saale)/MZ. 

Es ist garantiert kein Zufall, dass Esmeralda und Isabela am Anfang stehen. Denn immerhin waren es ihre Vorfahren, die Charles Darwin im Jahr 1835 auf den Galápagos-Inseln wichtige Anstöße für seine Evolutionstheorie gaben - etwa, dass sich die Riesenschildkröten auf den isolierten Inseln unterschiedlich entwickelt hatten. Nun begrüßen eine Handvoll gepanzerte Mädels im Rostocker Zoo ganz zünftig all jene, die sich auf die Spuren des Forschers begeben.

Willkommen im Darwineum. Der niegelnagelneuen Naturerlebnis- und Wissenswelt, die auf 20 000 Quadratmetern erstaunliche Einblicke in 500 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte vermittelt. So widmet sich die Ausstellung in acht Kojen ausgewählten erdgeschichtlichen Schwerpunkten. Sie erklärt, wie aus winzigen Einzellern die bunte Vielfalt von heute entstand. Und sie erläutert Darwins Theorie vom Überleben derjenigen Spezies, die sich am besten an die Umgebung angepasst haben. Das Außergewöhnliche daran: All das wird anhand von Tieren präsentiert, die in die jeweilige Evolutionsetappe passen - allein die Auswahl dieser letztendlich 40 Arten hat deutlich mehr Zeit verschlungen als die 15 Monate Bauzeit für das 28 Millionen-Projekt.

So geht es in der Koje "Ozean der Wundertiere" um die Zeit vor 500 Millionen Jahren. Damals explodierte die Zahl der Arten und brachte Wesen wie den Pfeilschwanzkrebs hervor, der irgendwann ausstarb und nur als Fossil erhalten blieb. Wesentlich bessere Überlebenstechniken entwickelten die Quallen, die seither unbeirrt durch die Weltmeere schweben. Als Beispiel für diese höchst empfindlichen, evolutionsgeschichtlich aber extrem robusten Geschöpfe tanzen im Darwineum zauberhafte Wurzelmundquallen grazil in einem eigens für sie konstruierten Strömungskreisel.

Zwei Kojen weiter geht es um die "Eroberung der Landes". Als Urahn der Landwirbeltiere gilt der Quastenflosser; ihn gibt es hier nur als Modell. Ganz in echt dagegen kommt der amphibische Schlammspringer daher, der seine Brustflossen zum Hüpfen benutzt und Sauerstoff über sackartige Kiemenkammern aufnimmt.

Zu Zeiten der Dinosaurier tummelten sich bereits die Vorfahren von Nashorn-Leguanen und Tejus unter der Sonne. Beide Arten gibt es in Koje 6 zu sehen. Und in Koje 8 - wir sind in der Evolution inzwischen zu den Säugetieren aufgestiegen - tollen putzmuntere Antilopenziesel nach Herzenslust herum. Ein besonders anpassungsfähiger Kleinsäuger wie auch die benachbarten Schnabeligel, deren Männer beim dreistündigen Geschlechtsakt ein Viertel ihres Gewichts verlieren. Wer das durchsteht, muss wohl gute Karten haben. Dass die Säugetiere ihren weltweiten Erfolgszug unter anderem deshalb antreten konnten, weil sie mit der Muttermilch einen Zaubertrank anzubieten hatten, der ihren Kindern konstant eiweißreiche Nahrung verpasste, erfährt man auf Begleittafeln.

Die Informationen sind leicht und für jedermann verständlich. Dioramen, Wandbilder, Modelle, Fühlboxen und interaktive Bildschirme ergänzen die optische Aufarbeitung der jeweiligen Epoche. Und für kleine Evolutionsforscher gibt es in jeder Koje zudem spannende Aufgaben und knifflige Rätsel zu lösen.

Im Darwineum findet man frappierende Wesen wie den Axolotl. Ein mexikanischer Schwanzlurch, der über die sensationelle Fähigkeit verfügt, Gliedmaßen, Organe und selbst Teile des Gehirns und des Herzens komplett und voll funktionsfähig wiederherzustellen. Das macht den kleinen Gesellen auch zu einem hochspannenden Forschungsobjekt für Biologen und Mediziner.

Das freilich größte Darwineum-Highlight wartet in der riesigen Tropenhalle. Wenn man so will, eine neunte Koje mit Menschenaffen in einem naturnahen und artgerechten Umfeld. Je zwei Gorilla- und Orang-Utan-Familien mit vier Männern und acht Frauen sind inzwischen hier heimisch und dürfen sich gern auch nach Leibeskräften vermehren - die Pillen für die Damen sind jedenfalls schon abgesetzt.

Hier drängt sich der Vergleich Mensch - Menschenaffe geradezu auf. Und manchmal steht man sich sogar unverhofft und fast hautnah gegenüber - getrennt nur durch eine Scheibe. Ein seltsames Gefühl, wenn einmal nicht nur der Mensch den Affen beobachtet, sondern auch dieser den anderen intensiv mustert. Und uns nachdrücklich bewusst macht, dass der Starke von einst der Schwache von heute ist. Weil seine Lebensräume zerstört wurden und er den Schutz des Menschen braucht. Auch für Einsichten wie diese ist das Darwineum ein bestens geeigneter Platz.

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