Vorlesen

Rom: Verzückung und Verführung

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 21:14 Uhr
Die Engelsbrücke führt zur Engelsburg (Bild rechts). Eine der Figuren stammt von Gian Lorenzo Bernini, die anderen von seinen Schülern. (FOTO: VINCENT) 
Von
Keinem anderen Künstler verdankt Italiens Hauptstadt so viele Meisterwerke wie Gian Lorenzo Bernini. Allein für die wichtigsten brauchen Gäste mindestens eine Tagestour.
Drucken per Mail
Halle (Saale)/MZ. 

Die Engelsbrücke führt zur Engelsburg (Bild rechts). Eine der Figuren stammt von Gian Lorenzo Bernini, die anderen von seinen Schülern. Vorbei an der Burg geht es direkt zu weiteren Meisterwerken Berninis, wie etwa dem Petersplatz. Die Männerfiguren des Vier-Ströme-Brunnens auf der Piazza Navona personifzieren die Ströme der damals vier bekannten Kontinente. Hier zu sehen die Donau für Europa und der Ganges für Asien (Bild unten). FOTOS: VINCENT

D iese Geschichte beginnt mit zwei Pfeilen. Den einen versenkt Liebesgott Amor im Herzen des Apoll, der so in unbändiger Liebe zur reizenden Waldnymphe Daphne entbrennt. Der andere bewirkt genau das Gegenteil: Daphne fühlt nichts als Ablehnung und Abscheu. Als Apoll der keuschen Schönen auflauert, helfen ihr die Götter: Schon packt er zu, da beginnt sie sich zu verwandeln: Um ihre Haut windet sich Rinde, Blätter bedecken ihre Haare. Die Arme werden zu Ästen, sie schlägt Wurzeln im Waldboden. Aus Daphne wird ein Lorbeerbaum.

Exakt diesen Moment hat der Künstler vor fast 400 Jahren eingefroren. Auf eine Art und Weise, die jeden entzückt, der die 2,50 Meter hohe Skulptur in der Villa Borghese umrundet. Mit fotografischer Tiefenschärfe, chirurgischer Präzision und größter Virtuosität wurden Haut, Haare und Muskeln aus kaltem Carrara-Marmor ebenso zum Leben erweckt wie Blätter oder Wurzeln - von einem 18-jährigen Jungspund namens Gian Lorenzo Bernini.

Nicht minder spektakulär ist "Die Verzückung der Heiligen Theresa" in der Kirche Santa Maria della Vittoria. 3,50 Meter hoch, geschaffen um 1650 und seinerzeit umstritten. Denn Bernini zeigt, wie ein Engel mit dem brennenden Speer der göttlichen Liebe das Herz der Theresa durchbohrt. Dieses überirdische Feuer versetzt die Mystikerin in Ekstase und gleicht verblüffend der Darstellung körperlicher Liebe. Unverhüllt zeigt Bernini, wie eine Frau der Erotik Gottes erliegt - das fand manch Zeitgenosse mehr als skandalös.

Zu befürchten hatte Bernini freilich nichts: Das Genie war unantastbar, die Päpste liebten seine Kunst und brauchten sie auch für ihre Vision vom neuen Rom. Ging es doch für die katholische Kirche darum, mit Hilfe des überschwänglichen Barockstils den Glanz und die Macht zurückzugewinnen, die sie im Kampf gegen die Reformation eingebüßt hatte. So wurde das päpstliche Rom im 17. Jahrhundert zur Wiege des Barock und Bernini zum wichtigsten Vertreter dieser pompösen Inszenierung.

Ein weiteres dieser Meisterwerke steht mitten auf der Piazza Navona: der Vier-Ströme-Brunnen. Um einen Obelisken lagern vier riesige Männerfiguren auf Felsabsätzen. Sie personifizieren die Ströme der damals bekannten und von der Kirche beherrschten vier Kontinente - Donau für Europa, Nil für Afrika, Ganges für Asien und Rio de la Plata für Amerika. Zu ihren seltsamen Verrenkungen gibt es kuriose Erklärungen: So verhülle der Nil seine Augen, weil er den Anblick der Kirche nicht ertrage, die Berninis Konkurrent Borromini nebenan errichtet hatte. Was hier manch Stadtführer zum Besten gibt, freut zwar die Touristen, ist aber gelogen: Die Kirche wurde erst nach dem Brunnen erbaut.

Über die Engelsbrücke und vorbei an der Engelsburg ist es nun nicht mehr weit zu Berninis bedeutendsten und monumentalsten Hinterlassenschaften. Zum einen der einzigartige Petersplatz. Im Auftrag Papst Alexanders VII. erdachte und erbaute Bernini zwischen 1656 und 1667 das weltbekannte Oval mit dem Obelisken im Zentrum, in dem er den Petersplatz mit Kolonnaden umrahmte, die aus einer vierfachen Reihe von 284 dorischen Säulen bestehen. Im Petersdom wiederum, direkt unter Michelangelos Kuppel und über der Gruft des heiligen Petrus, fällt der kolossale Baldachin über dem Papstaltar ins Auge. Diese größte Bronzearbeit des römischen Barock schuf Bernini für Papst Urban VIII. aus 100 Tonnen Bronze.

Der Kathedra-Altar in der Apsis hingegen schwelgt in Marmor, Bronze und vergoldeter Stukkatur und ist am besten während einer Messe zu sehen - dann erscheint das riesige Kunstwerk in vollem Licht: die vier Kirchenväter, die den "Heiligen Stuhl" tragen und überstrahlt werden vom Heiligen Geist, symbolisiert von der Taube im Alabasterfenster.

Ein Dutzend herausragender Bauten und architektonischer Werke, rund 50 meisterhafte Skulpturen und Plastiken - die Liste grandioser Werke Berninis ist lang und verschaffte ihm schon zu Lebzeiten den Ruf eines Allround-Genies. In 50 Schaffensjahren war er für fünf Päpste tätig und prägte mit seiner Kunst nicht nur die Hauptstadt des Kirchenstaates, sondern das gesamteuropäische Barockzeitalter. Als er 1680 in Rom starb, wurde er in der Kirche Santa Maria della Maggiore beigesetzt. In einem Grab übrigens, das an Schlichtheit nicht zu übertreffen ist.

Auch interessant