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Portugal: Vergessene Inseln locken in den Süden

Uhr | Aktualisiert 03.01.2013 17:59 Uhr
Neun Kilometer Traumstrand: Auf Culatra gibt es kein Hotel und keine Pension. (FOTO: SOBIK) 
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In den kleinen Fischerdörfern vor der Küste der Algarve scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Und die Bewohner tun alles dafür, damit das so bleibt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Nur der Wind schaut vorbei. Er trifft sich hier mit der Sonne. Und sonst ist fast niemand da: an diesem Vormittag nur zwei, drei Paare mit ein paar Badelaken und einem Sonnenschirm am neun Kilometer langen Sandstrand - weil fast keiner von dieser Insel und ihren vier Nachbar-Eilanden weiß. Auch nicht davon, dass Sonne und Wind sich hier zum Spielen verabreden. Zwei Orte nur gibt es, und kein einziges Hotel, keine Pension - weil die Einheimischen so etwas hier nicht wollen. Es würde Unruhe in ihren Alltag bringen, das Leben verändern - das der 980 Einwohner von Culatra, fast alles Fischer oder Muschelfarmer mit ihren Familien, und das der 14 Einwohner von Farol im äußersten Inselwesten, von denen die Hälfte als Leuchtturmwärter arbeitet. Ihr gemeinsames Ziel: Die Zeit anhalten, den Alltag festhalten, das vertraute Leben so führen wie seit jeher.

Die fünf Eilande vor Faro und Olhão, die die Ria Formosa-Lagune zum offenen Atlantik hin wie ein Riegel schützen, sind die vergessenen Inseln der Algarve: Eilande mit nichts als kleinen Fischersiedlungen und Straßen aus Sand, mit Bars und Restaurants unter Sonnenschirmen und Markisen, mit kilometerlangen Dünenstränden und ganz ohne Autos. Nur einige Traktoren zum Lastentransport durch den Sand sind dort unterwegs, wenn wieder mal ein paar Kisten Bier, eine Palette Mineralwasser und ein paar Kartons mit Cachaça-Flaschen angelandet werden. Sie tuckern vorsichtig durch die Gassen zu den zwei Tante-Emma-Läden und den Gaststätten von Culatra, um nur ja nicht mit den vielen Blumentöpfen vor den Häusern, den Veranda-Mäuerchen, den halb im Sand versunken Pflanzkästen oden den Ästen manchen Medronho-Baumes zu kollidieren. Das Festland mit seinen Touristenhochburgen ist nur drei Kilometer Luftlinie entfernt. Trotzdem braucht die Fähre von Olhão auf Zickzackkurs vorbei an Sandbänken und Untiefen zwischen 30 und 45 Minuten bis zum Anleger der Hauptinsel Culatra, die so heißt wie ihr größter Ort.

Meistens vier-, im Sommer bis zu siebenmal am Tag fährt das alte Schiff und hat neben Einheimischen und Paletten mit Getränkekisten allenfalls Tagesbesucher mit an Bord. Bis nach sieben am Abend, wenn die letzte Fähre zurück ablegt, bleibt nur, wer sich später ein Wassertaxi zum Festland ruft - oder einen kennt, der einen kennt, der sein Häuschen auf Culatra vermietet. Wer noch keinen kennt, muss am nächsten und am übernächsten Tag wiederkommen, jedes Mal beim Bier für einen oder den gegrillten Makrelen für sechs Euro im Restaurant nach einem Quartier fragen, bis ihm schließlich irgendwer eines empfiehlt. Die Fischer von Culatra, die Leuchtturmwärter von Farol, die paar Familien aus Hangares, die Muschelfarmer aus Armona haben ein gemeinsames Ziel: unbedingt weiter die Zeit anhalten - ganz im Stillen. Nichts ändern. Weiter ihre Arbeit machen, ihren Alltag leben. Es ist ihnen bisher ziemlich gut geglückt. Ihre Inseln sind aus der Welt gefallen, und seit jeher bestimmen vor allem Mond und Gezeiten den Ablauf allen Tuns.

Am Anfang steht jedes Mal die Fangfahrt hinaus auf die Lagune oder auf den Atlantik. Meist gegen Mittag sind die Männer zurück, haben dann ihre Ausbeute bereits drüben auf dem Festland in Olhão angelandet, knoten ihre kleinen Boote mit so schönen Namen wie "Sempre Amigos - Einfach Freunde"- oder "Deus do Mar - Gott des Meeres" wieder an den Steg zu Hause in Culatra oder ziehen die Nussschalen auf den Strand. Sie verschwinden dann auf ein "Sagres"-Bier in einer der Bars, diskutieren über Fußball und halten Mittagsschläfchen mit dem Rücken an die schattige Wand der kleinen Kirche gelehnt. Und am Nachmittag, wenn der Geruch von gegrilltem Fisch aus jedem Innenhof aufsteigt, gehen sie nach Hause zu ihren Familien. Abends ist es schnell ruhig im Ort, die meisten müssen früh in der Nacht schon wieder hoch und aufs Meer hinausfahren. "Culatra", sagen die Leute vom Festland, "sieht aus, als hätte es einen Landstrich aus dem Nordosten Brasiliens vor Europas Küste gespült. Und irgendwie fühlt es sich dort auch so an." 980 Fischer und ein paar Leuchtturmwärter hoffen, dass es noch lange so bleiben wird.

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