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Mittelamerika: Eine Welt am Ende der Zeit

Uhr | Aktualisiert 20.12.2012 22:47 Uhr

El Castillo ist ein geniales Abbild der indianischen Kosmologie. (FOTO: EKKHART EICHLER)

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Es ist noch einmal gut gegangen. Die Welt dreht sich weiter, unbeeindruckt von den Horrorszenarien der Apokalyptiker, die sich auf düstere Prophezeiungen der Maya und den Ablauf ihres Langzeitkalenders beriefen. Für seriöse Betrachter kein Wunder - nirgendwo bei den Maya nämlich findet sich eine konkrete Voraussage zum Ende der Welt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Was Freitag passiert, ist ein Zeitsprung im Maya-Kalender, mit dem ein Zyklus von über 5 000 Jahren beendet und zugleich ein neuer eingeläutet wird.

Wer aber waren diese rätselhaften Maya? Als gesichert gilt, dass sie über 3 000 Jahre im Fokus mittelamerikanischer Geschichte standen. Ihr Siedlungsraum reichte von Nord-Yucatán in Mexiko über den Urwald von Guatemala bis nach Belize im Osten sowie El Salvador und Honduras im Süden.

Sie lebten in Stadtstaaten, die Kriege gegeneinander führten. Sie erschufen eine Kultur, die fünfmal länger bestand als das Römische Reich. Sie berechneten einen Kalender, der fast auf die Sekunde so exakt war wie unser heutiger und erfanden das mathematische Konzept der Null. Ihre Blütezeit erlebten sie zwischen 600 und 800 n.Chr. in der sogenannten Klassischen Periode.

Monumentalste Hinterlassenschaft: Tikal in Guatemala - der "Ort, an dem die Geisterstimmen ertönen". Keineswegs nur ein poetischer Name: Besonders frühmorgens und am späten Nachmittag lässt sich einiges vom Mysterium dieser großartigen Ruinenstadt in Guatemalas "grüner Hölle" erahnen, die für manchen Esoteriker tatsächlich etwas Geheimnisvolles hat. Mittelpunkt ist die Große Plaza, auf der sich der Tempel des Großen Jaguar und der Tempel der Masken als Symbole für Sonne und Mond gegenüberstehen. Beide um etwa 700 n. Chr. erbaut, beide um die 50 Meter hoch. Auf den Tempel der Masken kann man hinaufsteigen und die umwerfende Szenerie auf sich wirken lassen.

Das gewaltigste Bauwerk von Tikal trägt den schlichten Namen Tempel IV und entstand sogar schon 250 Jahre zuvor. Das 65 Meter hohe Monument ist nicht ganz unkompliziert über steile hölzerne Treppen zu erklettern, aber die Mühe lohnt: Der Ausblick über den Dschungel und die anderen Tempelspitzen ist schlichtweg famos.

Szenenwechsel: Wenn die Nacht kommt in Chichén Itzá, wird Geschichte lebendig. Ein mystisches Soundgewebe wabert dann über den Zeremonialplatz der berühmtesten aller Maya-Städte und versetzt den Besucher zunächst akustisch in eine längst vergangene Zeit. Plötzlich schält sich El Castillo, die von den Spaniern "Das Schloss" getaufte Pyramide, aus dem Dunkel und wechselt Licht wie Farben im Rhythmus pulsierender Trommeln. Laserstrahlen malen dazu martialische Figuren an den Himmel über Yucatán.

Das dem Gott Kukulkán geweihte Bauwerk ist kein Grabmal wie die ägyptischen Pyramiden, sondern ein steinerner Sternenkalender, der auf geniale Weise die indianische Kosmologie abbildet. Die neun Terrassen etwa entsprechen den mythologischen Welten, und jede Treppe hat akkurat 91 Stufen. Mal vier macht 364 plus eine zum Tempel, und das Jahr ist komplett.

Genauso wenig zufällig: Jedes Jahr zur Tag- und Nachtgleiche im März und September formen Licht und Schatten den gezackten Körper einer Riesenschlange, die herabzusteigen scheint - ein hinreißender Effekt, mit dem der Weg des Gottes als "Gefiederte Schlange" vom Himmel in die Unterwelt symbolisiert wird.

Ebenfalls mehr als 1 000 Jahre alt ist der "Tempel der Krieger" mit der wohl bekanntesten Szenerie des Alten Mexiko: Zwei Säulen mit weit aufgerissenen Schlangenmäulern rahmen eine Figur, die Maya-Kennern Schauder über den Rücken jagt - auf dem Chac Mool nämlich brachten die Priester den Göttern ihre blutigen Opfer dar, darunter auch menschliche Herzen.

Gleich nebenan - der größte aller Maya-Ballspielplätze. Ein Areal, auf dem zwei Teams einen Kautschukball durch einen Ring in acht Meter Höhe treiben mussten. Ein rituelles Spiel: Für die Priester symbolisierte der Ball die Sonne; aus seiner Flugbahn trafen sie Voraussagen für die Zukunft. Das Ende war blutig, wie Reliefs an den Seiten zeigen: Der Kapitän einer Mannschaft wurde enthauptet. Ob als Ehrentod für den Sieger oder Schmach für den Verlierer - darüber streiten sich Experten noch.

Auf mehr als 1 000 wird die Zahl der Maya-Stätten geschätzt. Zumeist von Urwald überwuchert und oft nicht einmal in Ansätzen erforscht. Zu den erfreulichen Ausnahmen zählt Coba, von den Tourismuszentren Yucatáns ebenso schnell erreichbar wie Chichén Itzá und zugleich ein extremer Kontrast. Denn Coba steckt mitten drin im Busch-Dschungel mit seiner schweißtreibenden Schwüle. Der Weg auf die Pyramide wird so zum echten Härtetest - ganz wie einst beim einfachen Maya-Menschen, der sich seinen Göttern langsam und in Demut nähern sollte. Heutzutage gibt es zur Belohnung in 42 Meter Höhe einen grandiosen Blick über einen lückenlosen Urwaldteppich. Und die Gewissheit, dass uns diese großartige Kultur wohl noch viele Jahre über alle Maßen begeistern wird.

Weitere Informationen: www.visitmexico.com

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