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Kärnten: Spiegelglatter Spielplatz

Uhr | Aktualisiert 03.01.2013 17:17 Uhr

Vor dem Panorama der Kärntener Berge drehen die Schlittschuhläufer ihre Runden. (FOTO: SCHREIBER)

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Der Weißensee im österreichischen Kärnten, in einer Höhe von fast 1 000 Metern, gilt als größte natürliche Schlittschuhbahn der Welt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Eine sportliche Mami kurvt mit dem Kinderwagen vorbei. Drei Jungs ziehen ihren Schlitten vorbei an einem älteren Mann, der sich auf wackeligen Beinen an einen Plastikpinguin klammert. Offenbar sind es seine ersten Gehversuche auf Schlittschuhen - und dafür hat er sich gleich ins Paradies der Kufenflitzer begeben. Der Weißensee im österreichischen Kärnten, in einer Höhe von fast 1 000 Metern, gilt als größte natürliche Schlittschuhbahn der Welt.

6,5 Quadratkilometer präpariertes Eis für kleine Kunstläufer, große Eishockeyspieler, schnelle Läufer und sportliche Familien. Sogar ein eigener Schlittschuh wurde dort entwickelt, die Kufen werden einfach an Langlaufstiefel geschnallt. Das ist bequem und sportlich zugleich. Nach einer kurzen Eingewöhnung gleitet man sanft über das polierte Eis. Wer seinen Rhythmus gefunden hat, schwebt mit einem Gefühl von Leichtigkeit dahin, blendet den Trubel aus, hört nur noch das klack, klack der Kufen, hat Ruhe, um die Berge ringsum zu genießen. Hier gibt es keine mächtigen Dreitausender, keine Angst einflößenden Nordwände. Die Hügel zeichnen sich sanft ab am Horizont. Es ist der perfekte Rahmen für eine so entspannende Tätigkeit wie Schlittschuhlaufen.

Nur auf die verflixten kleinen Risse, die sich durch die Spannungen in der riesigen Eisfläche ergeben, muss man achten. Ansonsten sind die Bedingungen perfekt. Das Eis wird vom Schnee befreit, gekehrt, geschliffen, poliert, kontrolliert, protokolliert, vermessen. Zuständig für all das ist Norbert Jank. Eine Berufsbezeichnung für ihn lässt sich nicht finden, sie würde irgendwo zwischen Eismeister und Wissenschaftler liegen.

Seit vier Jahrzehnten erfasst er Daten rund um den winterlichen Weißensee, notiert, wann welcher Teil zufriert und prüft die Belastbarkeit. Ende November rückt er stets mit seinen selbst konstruierten Gefährten und Werkzeugen aus, um die nötigen Grundlagen zu legen. Der flache Westteil friert immer zuerst zu. Jank dreht dann seine Runden mit einem leichten Quad und einem Pflug. Er ist morgens auf dem Eis, bevor die Sonne im Osten den See streichelt, und abends, wenn sie dem Westzipfel ihre letzten Grüße schickt. Es gibt keinen Plan zum Abarbeiten. Jede Stunde ist das Eis anders.

Meist bis Anfang März sehen die Schlittschuhläufer Jank nur in seinem kleinen blauen Ford, an dem entweder ein XXL-Besen oder eine Mega-Schaufel hängt. Manche klatschen, wenn er vorbeifährt oder klopfen aufs Autodach. Zwei Eishockeyspieler winken heftig, als sie Jank erblicken. Er hat ihre Spielfläche heute noch nicht in Schuss gebracht. In dem Moment zischt eine Gruppe Gelbmützen vorbei. Sportliches Tempo, professionelle Ausrüstung, Trainer vornweg.

"Ah, die Holländer sind da", sagt Jank. Prompt stoppen sie, um mit ihm zu plauschen. Für die Eiseiligen ist er ein Eisheiliger. Fast 50 Prozent der Gäste im Winter sind Niederländer. Normale Urlauber, Familien, Amateure und Profis. Alle wollen in Kärnten aufs Eis. Ende Januar ist der Weißensee zwei Wochen lang oranje. Dann tragen die Holländer dort einen ihrer größten Eisschnelllauf-Wettkämpfe aus. Früher konnten sie ja noch zu Hause auf den Grachten fahren. Aber seit der Winter in den Niederlanden ein Frühjahr ist, frieren die Wasserstraßen nicht mehr richtig zu. Wo haben sie nicht überall gesucht? Finnland, Norwegen, Kanada. Nirgendwo war es auch nur annähernd so gut wie am Weißensee. Genügend Betten, gute Infrastruktur, perfektes Eis.

Der zweitwichtigste Mann für die Wintersportler am See ist Wolfgang Wernitznig. Wer das Laufen auf Kufen lernen, seine Technik verbessern oder das nächste Rennen gewinnen will, muss zu ihm. Der 42-Jährige ist der einzige echte Eislauf-Trainer am Weißensee. Früher war er selbst mal Profi und stets hart zu sich selbst. Wie sonst sollte man 200-Kilometer-Rennen gewinnen? Im Umgang mit seinen Gästen hat er eine Engelsgeduld. Immer wieder macht er Übungen vor, hebt elegant ein Bein vom Eis und gleitet auf der Kufe dahin. Was bei ihm aussieht wie ein stolzer Storch, verkümmert bei manchem Gast zum sterbenden Schwan. "Immer mit der Ruhe, das geht nicht von heute auf morgen", sagt er dann. Wernitznig ist bekannt wie ein bunter Hund. Er ist kein Schwätzer und Aufschneider wie so mancher Skilehrer. Erst wer ihn näher kennt, erfährt, was alles in ihm steckt. Obwohl er sportlich ist, macht er nicht alles mit, was am Weißensee geboten wird. Eis-Golf oder Unterwasser-Eishockey sind nicht sein Fall. Und mit Schlitten oder Kinderwagen muss er auch nicht mehr aufs Eis, weil seine Kinder schon erwachsen sind. Er lächelt kurz über den älteren Herrn mit Plastikpinguin. "Fürs Schlittschuhlaufen ist es nie zu spät."

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