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Norwegen: Trøndelag - Darf es eine Insel mehr sein?

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Trøndelag bietet unberührte Natur und reiche Fischgründe. Mit etwas Glück können Touristen bei Exkursionen auch Seeadler beobachten.

(BILD: Pommert)
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Mehr als 6.000 Eilande gibt es vor Trondheim. Nach und nach werden sie von Norwegen-Touristen entdeckt.
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Das kleine Motorboot prescht übers Meer. Sein Bug durchschneidet Wellenkämme, und Gischt klatscht gegen die Fensterscheiben. Eben war die See noch glatt, doch plötzlich ist Wind aufgekommen und schaukelt die Fahrgäste im Wasserbus durch. Das Wetter kann schnell umschlagen, hier, vor Norwegens Küste. Die Menschen sind es gewohnt. Nur wenn die See ganz rau ist, lassen sie ihre Boote festgezurrt am Steg. Sonst aber fahren sie damit wie wir hierzulande mit Rädern, Mopeds oder Stadtautos. Eine andere Möglichkeit haben sie auch gar nicht. Denn mehr als 6 000 Inseln sind im Gebiet von Trøndelag verstreut und viele davon sind bewohnt. Nur die größeren werden von Fähren oder Wasserbussen angesteuert.

        

Am Trondheimfjord liegt das tausend Jahre alte Trondheim, der Ausgangspunkt für Touren durch Trøndelag.

Am Trondheimfjord liegt das tausend Jahre alte Trondheim, der Ausgangspunkt für Touren durch Trøndelag.   (BILD: Pommert)

„Es kann sein, dass die Familie ihr Wohnhaus auf der einen Insel hat, und auf der anderen grasen ihre Kühe“, erzählt Anna. „Das ist ganz normal. Und wenn du die Kühe melken willst, ja, dann musst du halt mit dem Boot rüberfahren.“ Die blonde, junge Frau kommt eigentlich aus dem Münsterland. Sie hat Museumswissenschaften studiert und sich danach in Norwegen beworben. Das Land, das sie einst im Urlaub kennenlernte, hat sie nicht mehr losgelassen. In einem der modernsten Museen, dem Kulturzentrum Norveg in Rørvik, konzipiert sie nun interaktive Ausstellungen zur Geschichte der norwegischen Fischer, ganz so, als sei sie damit aufgewachsen.

Äquatortaufe für Aquavit

„Hier kauft man sich kein Grundstück, hier kauft man sich eine Insel“, sagt Anna und tänzelt im Wellengang zur winzigen Kombüse. Während der Kapitän den Kahn per Radar vorbei an größeren und kaum wahrnehmbaren Inselkuppen und unsichtbaren Untiefen manövriert, die man alle zusammen den Schärengarten nennt, holt Anna zwei Hände voll Reagenzgläser aus einer Box. „An Bord gibt es niemals Alkohol“, sagt sie bestimmt. „Das bringt Unglück. Und Fischer sind abergläubisch. Aber eine Probe schadet nicht.“

Die Probe entpuppt sich als Aquavit. Der wird in Trøndelag in mehreren Sorten hergestellt, eine begehrter als die andere. Die „Norsk Aquavit Bar No. 1“ in Trondheim führt sie alle. Auch den legendären Linien-Aquavit, der in alten Sherry-Fässern per Schiff über den Äquator und zurück geschippert wird. Das Fassholz, das Schaukeln, die Meeresluft – all das soll ein einzigartiges Aroma schaffen. Die Norweger schwören darauf. Und ihre Gäste glauben das aufs Wort. Anna erntet Lob für ihre Reagenzglas-Runde.

Trøndelag, die Region um Trondheim, liegt zwischen Hinterkopf und Rücken des skandinavischen Löwen. Von ausländischen Touristen wird sie gerade erst entdeckt. Keine Hotelburgen, keine überfüllten Strände und Straßen. Dafür aber viel Natur, eine reiche und lebendige Geschichte, gutes Essen und Menschen, die mit außergewöhnlichen Ideen für einen außergewöhnlichen Urlaub sorgen.

        

Überall brüten Möwen auf Sør Gjæslingan.

Überall brüten Möwen auf Sør Gjæslingan.   (BILD: Pommert)

So wie Ole Martin Dahle. Er ist in Lauvsnes zu Hause, einem kleinen Ort an der Küste Nord Trøndelags, rund zweieinhalb Busstunden vom Flughafen Trondheim entfernt. Viele Jahre hat Ole Martin für die Kommune Flatanger gearbeitet. Seine Faszination aber galt schon immer den Seeadlern. Im Laufe der Zeit baute er zu ihnen eine Beziehung auf, die auf Liebe und Respekt fußt. Morgens und abends fährt Ole Martin nun mit seinem Boot hinaus in den Fjord. Dutzende Möwen begleiten ihn. Unter einem steilen Felsen wirft der Mann eine fette Makrele hinaus und wartet.

Etliche Sekunden vergehen, dann plötzlich mächtige Schwingen hoch oben. Der Seeadler scheint die Szene genau zu beobachten, bevor er sich hinunterstürzt. Nur wenige Meter von Ole Martins Boot entfernt greift er den Fisch mit seinen mächtigen Krallen. Tierfotografen aus der ganzen Welt buchen die Expeditionen des „Eagle Man“, der irgendwann seine eigene Norway Nature Company gegründet hat. Touristen sind fasziniert von den atemberaubenden Szenen, die Ole Martin Dahle ihnen bieten kann.

Natur pur gibt es auch bei Reidar Einvik. Er hat von seinen Eltern und Großeltern gleich mehrere Inseln samt der zugehörigen reichen Fischgründe geerbt. Als Reidar noch Kind war, lebten zahllose Fischer auf diesen Inseln, und die Einviks hatten mit ihrem Kaufladen und der Fischannahmestelle ein gutes Auskommen. Jetzt baut Reidar sein maritimes Paradies Einvika, auf dem jüngst Reste einer 4 000 Jahre alten Besiedlung gefunden wurden, für Angeltouristen aus. Einstige Fischerhütten bieten allen Komfort, und sogar im Leuchtturm kann man sich einmieten.

So weit ist Tore Kristian Aune noch nicht ganz. Auch er hat eine Insel gekauft, eine ganz besondere sogar. Denn das einzige Gebäude, das auf dem von Flechten, Moosen und kleinen Sträuchern überzogenen, weitläufigen Eiland Ellingråsa steht, ist ein Leuchthaus aus dem Jahre 1888. Hier wohnte damals die Familie, die dafür sorgte, dass das winzige Leuchttürmchen am Ufer allnächtlich Schiffen und Booten vor der Küste den Weg wies. Tore und sein Freund Morton bringen behutsam Moderne in das zweistöckige Gebäude. Im nächsten Sommer sollen hier Gäste wohnen.

Unter dem Schutz des Königs

Schon jetzt aber kann man von der Insel zu Kajaktouren und Tauchgängen starten. Jakobsmuscheln gibt es reichlich. Und Tore bereitet den Fang gleich am Ufer zu.

Der Kapitän unseres Motorbootes drosselt die Geschwindigkeit. Eine Inselgruppe liegt vor uns: Sør Gjæslingan ist ein norwegisches Nationaldenkmal, geschützt per königlicher Resolution – mehr geht nicht hierzulande. Um 1600 wurde seine Besiedlung erstmals erwähnt. 40 bis 60 Bewohner hatte die Inselgruppe gewöhnlich. Vier- bis fünftausend Fischer kamen alljährlich von Januar bis März dazu. Von hier brachen sie auf, um Dorsch zu fangen. Im flachen und vom Golfstrom erwärmten Schärengarten rund um Sør Gjæslingan liegen die größten Dorsch-Laichgründe des Atlantik. Noch vor hundert Jahren war die Bucht zwischen den Inseln schwarz von Fischerbooten. Die Infrastruktur von damals aber blieb: Fischerhütten, Kirche, Schule, Laden – ein komplettes Museumsdorf. Vier Eignerfamilien und das staatliche Museum Norveg sorgen für den Erhalt. Touristen können Häuser mieten, können hier sogar heiraten.

In Sør Gjæslingan holt Anna einen ihrer größten Triumphe aus dem Ärmel: Andreas Holmboe heißt der junge Mann, der sich bislang im Hintergrund hielt. Er steht der Küche des Norveg-Museumsrestaurants vor. Nichts Besonderes sollte man meinen, doch weit gefehlt. Die Kochkünste - oder besser Kreationen – haben den 23-Jährigen weit über Rørvik hinaus ins Gespräch gebracht. Erst am Vortag haben König Harald und Königin Sonja bei Andreas gespeist.

An diesem Abend in Sør Gjæslingan bereitet er am Feuer zwischen den Ufersteinen ein Menü zu, das sich jeglicher Vorstellung entzieht. Meeresfrüchte stehen auf dem Speiseplan und vor allem Lachs. Dessen Aufzucht in großen Farmen an und vor der Küste zählt in der Region um Trondheim zu den Haupterwerbsquellen. Beeindruckt von dem, was Andreas gezaubert hat, prophezeit ein Gast dem Koch prompt „eine große Karriere.“ Andreas lächelt höflich und zuckt kaum spürbar mit den Schultern. „Ja, ja“, steht es in seinem Gesicht, „was diese Touristen so alles reden, wenn sie satt sind.“

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