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US-Wahl: Wernigerode feiert Obama-Sieg

Uhr | Aktualisiert 07.11.2012 19:10 Uhr
Gut vorbereitet: Mit einer auf die Wange gemalten US-Flagge verfolgen diese beiden Studentinnen die Wahlberichterstattung. (FOTO: WOHLFELD) 
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Sie sehen übernächtigt und zufrieden aus: Seit 5 Uhr verfolgten Studenten, Professoren und Mitarbeiter der Hochschule Harz im Wernigeröder Audimax am Mittwoch die Wahl in Amerika.
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wernigerode/MZ. 

Robert Cowan hat bis zum Schluss gekämpft. Noch bis neun Uhr hat er am Abend zuvor Wahlkampf für Barack Obama gemacht. In Wernigerode. "Ich habe 50 Leute in Florida anzurufen versucht, um sie von der Wahl Obamas zu überzeugen", berichtet Cowan. Zwei hat er erreicht. "Und die waren beide sowieso Obama-Wähler", berichtet der 57-jährige Professor. Es ist der 7. November, 5 Uhr, und Cowan hat die ganze Nacht nicht geschlafen.

Jetzt steht er mit Krawatte, Pullover mit "Obama-Biden"-Button und einer Tasse dampfenden Kaffees in der Hand vor dem Audimax der Hochschule Harz in Wernigerode. Gemeinsam mit Studenten aus dem ersten Semester der Wirtschaftspsychologie hat Cowan die Wahlparty zum dritten Mal organisiert. Sie haben amerikanische Spezialitäten gebacken - Muffins, Brownies und Cinnamon Rolls - und bieten sie sowie belegte Brötchen, Kaffee, Tee und Orangensaft für wenig Geld an.

Während die Putzfrau noch durch die Gänge huscht, flimmert im Audimax die Berichterstattung von CNN über die Wand. Moderatoren klicken auf gelbe - noch nicht ausgezählte - Bundesstaaten, färben sie blau - für die Demokraten - oder rot - für die Republikaner - ein. Spielen Szenarios durch. Was wäre, wenn? Eine Welle aus Hochrechnungen, Prognosen und Prozentzahlen schwappt über den Zuschauern zusammen.

"Ich bin für Obama", sagt Cowan. Der Professor kommt aus San Diego in Kalifornien. Seit 1992 lebt er in Deutschland, seit 1995 in Wernigerode. "Wir sind sechs Geschwister, ein Bruder ist vielleicht ein Republikaner", sagt Cowan. Und er fügt augenzwinkernd an: "Ganz klar ist das nicht. Wenn es so wäre, wäre es eine Schande." Was fürchtet er an Romney? Bei dem Republikaner würde wieder mehr Geld in die Rüstung fließen, glaubt er. "Bei Obama wird es wenigstens nicht schlechter", sagt Cowan. Auch dieser könne als Präsident nicht alles durchsetzen, weil er vom republikanisch dominierten Repräsentantenhaus blockiert werde.

Als Hochschul-Rektor Armin Willingmann um 5.43 Uhr im Audimax eintrifft, ist der Sieg Obamas schon greifbar. "Ich finde es gut, dass jemand gewählt wird, der für soziale Werte steht", sagt er. "Obama hat eine zweite Chance verdient." Das sieht auch Steffen Börner, der Vorsitzende des Studierendenrates, so. "Es ist niemand im Raum, der für Romney ist", sagt er. Er freut sich über diese "tolle Aktion" im Audimax. "Viele Studenten schlagen sich die Nacht um die Ohren, obwohl Vorlesung ist."

Nicht nur Studenten, auch die 15-jährige Gymnasiastin Rowena Barner ist um 5 Uhr aufgestanden, schaut sich die Wahlberichterstattung an der Hochschule an und geht danach noch acht Stunden zur Schule. Noch schnell einen Energy-Drink, und um 7.30 Uhr beginnt Latein. "Wir waren drei Wochen zum Schüleraustausch in Georgia", erzählt sie. "Dort hingen überall Wahlplakate." Jetzt wollen die Schüler natürlich auch wissen, wie die Wahl ausgegangen ist. Immerhin: Unter ihnen sind auch Romney-Anhänger.

Aus Sicht von Harriett Watts ist die Wahl gut ausgegangen. Die 70-jährige Texanerin, die seit 26 Jahren in Deutschland und seit 19 in Quedlinburg lebt, ist glühende Demokratin und Mitglied der "Demo-crats Abroad" - der offiziellen Auslandsorganisation der amerikanischen Demokraten. Am Vormittag sitzt sie mit roten Augen in der MZ-Redaktion und schlürft Kräutertee. "Ich habe bis um halb drei Wahlberichterstattung im Fernsehen geguckt, drei Stunden geschlafen und dann weitergeguckt", sagt sie. Harriett Watts hat schon vor Wochen per Post gewählt. Obama, versteht sich.

"Er hat jetzt noch vier Jahre, um seine wichtigen Projekte fortzusetzen", sagt sie. "Gesundheitsreform, Klimawandel, Immigrationsgesetz und Unterstützung der Mittelklasse." Mit Mitt Romney ist Harriett Watts mittlerweile auch versöhnt. "Er hat als Verlierer eine gute Figur gemacht", sagt sie. "Beide haben die Hände ausgestreckt."

Am Ende ist auch Robert Cowan mit dem Ausgang der Wahl voll und ganz zufrieden. Lächelnd steht er vor dem Hörsaal. "Ich war sehr nervös", gesteht er. "Ich bin froh, dass die Wahl nicht so knapp ausgegangen ist." Und nun? "Nun gehe ich erst mal schlafen", sagt Cowan. Um 15 Uhr will er mit seiner Familie in Amerika telefonieren. "Wir werden alle feiern."

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