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Thale: Wie ein kleiner Buchladen deutschlandweit Aufmerksamkeit erzielt

Petra Sperlich

Seit 1997 schon betreibt Petra Sperlich ihr kleines Geschäft und wurde jetzt mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

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Chris Wohlfeld

Thale -

Es waren nur spärliche Angaben, die ein Kunde Petra Sperlich kürzlich am Telefon durchgab. Irgendwas mit toter Oma und nackten Wanderern. „Manchmal kann ich den Titel wirklich nur erahnen“, erzählt die Buchhändlerin aus Thale (Harz). „Aber in solchen Fällen bin ich unterwegs wie eine Kommissarin und versuche, das gewünschte Buch ausfindig zu machen.“ Mit Erfolg. Jetzt liegt der satirische Wegweiser durch das Land der Frühaufsteher neben der Kasse zur Abholung bereit. Auf dem Einband steht: „Warum die Sachsen-Anhalter nackt wandern und ihre ’Tote Oma’ lieben...“

Für ihre Kunden macht die Inhaberin der kleinen Buchhandlung „Am Bodetal“ (fast) alles - und das bereits seit 1997. Jetzt aber wurde ihr Engagement von höchster Stelle gewürdigt. Sie erhielt kürzlich eine Auszeichnung beim erstmals vergebenen Deutschen Buchhandlungspreis - und das als einzige Ladenbesitzerin in ganz Sachsen-Anhalt. Gewürdigt wurden bei dem Wettbewerb kleine, inhabergeführte Läden mit besonderen, innovativen Konzepten (siehe „108 Auszeichnungen...“).
„Ich will vor allem die Kinder begeistern“, betont die 53-Jährige. So hält sie vor allem engen Kontakt zu den Schulen in Thale, organisiert mit den Lehrern seit Jahren Vorlese- und Rezitatorenwettbewerbe für die Mädchen und Jungen aus den Klassen fünf bis zehn und sitzt mit in der Jury. „Natürlich bringe ich auch Preise mit, viel wichtiger aber noch ist, dass die Schulen in mir immer eine Ansprechpartnerin haben.“ Und das nicht nur beim Verkauf der Schulbücher.

Doch die Buchhändlerin hört nicht bloß zu und organisiert, sie schreitet auch zur Tat. „Eines Tages habe ich mir 20 oder 30 Bücher geschnappt, habe mich vor die Schüler gesetzt und gesagt: Heute lese ich!“ Sie sei beim ersten Mal zwar mächtig nervös gewesen, räumt die Buchhändlerin ein, aber die Aktion sei sehr gut angekommen. Die Begeisterung für das Lesen könne so auch ganze Familien erfassen. „In manchen Haushalten stehen, wenn überhaupt, bloß ein oder zwei Bücher im Regal.“ Die Kinder seien der Schlüssel, um das zu ändern. „Nur über die Kinder erreichen wir in solchen Familien auch die Eltern.“

Menschen über Bücher erreichen, das ist ohnehin den Weg, den die Buchhändlerin Tag für Tag einschlägt - und von dem sie auch persönlich profitiert. „Kostenlose Leseexemplare, die ich von den Verlagen bekomme, gebe ich oft an Stammkunden weiter und hole mir dann ihre Meinung ein.“ Fällt ein Buch bei dem Test durch, kommt es erst gar nicht ins Regal. „Da verlasse ich mich ganz auf meine Leser. Ich würde das gesamte Angebot allerdings allein auch gar nicht lesen können.“

Stolperfalle Struwwelpeter

In jedem Fall sollen die Kunden wissen, woran sie bei einem Buch sind. Wie beim legendären Kinderbuch Struwwelpeter. Neulich, erzählt die Buchhändlerin, habe ein Kunde die Originalversion für ein kleines Kind kaufen wollen. Da habe sie jedoch dringend von abgeraten, schließlich schneidet in der „Geschichte vom Daumenlutscher“ der Schneider dem kleinen Konrad beide Daumen ab. Empfohlen habe sie daher die weniger drastische Variante, die für Kinder ab drei Jahren geeignet ist. Grundsätzlich sei das Buch aber eine „Pflichtlektüre für jedes Kind, schließlich fördert es das richtige Sozialverhalten“.

Dass Petra Sperlich ihre Bücher auf nur 70 Quadratmeter Ladenfläche anbieten kann und auch noch Schreibwaren, Spielzeuge, Tee und einige Andenken wie die obligatorischen Hexen verkauft, macht den Charme ihres Geschäftes aus. „Das ist wie eine kleine Stube, die Leute sollen sich hier einfach wohlfühlen.“ Und natürlich schenkt die Inhaberin ihren Kunden bei Bedarf auch ein offenes Ohr. „Ich kenne die Menschen einfach und kann sie deshalb besser beraten.“ So helfe einem kranken Kunden manchmal leichte Kost in Buchform mehr als ein medizinischer Ratgeber. Das, so die Geschäftsfrau, könnten große Ketten ihren Kunden nicht bieten. Und was den Service im Zeitalter von Amazon & Co. betrifft, so punktet die Thalenserin mit persönlichem Einsatz. „Auf Wunsch bringe ich meinen Kunden ein Buch auch persönlich in der Mittagspause vorbei.“
Und wie sieht es aus mit Internet und sozialen Medien? „Natürlich ist Facebook wichtig, aber oft fehlt mir dafür die Zeit.“ Zuletzt habe sie Weihnachten ein Gedicht gepostet. Eine Homepage hat sie aber nicht, dafür testet sie eine neue App mit dem Titel „Kauf Dir ein Buch“. Dort könnten sich Kunden per Suchmaschine Bücher aussuchen und sich diese an ihre Wunschbuchhandlung liefern lassen. „Da habe ich auch einige Kunden“, erklärt die 53-Jährige. Ob sich das Modell für sie letztlich auszahlen werde, wisse sie noch nicht, es sei ein Experiment.

Was sich für den kleinen Laden, in dem mehr als 2.000 Bücher in den Regalen stehen, auf jeden Fall lohnt, ist die Förderung junger, regionaler Autoren. Die lädt sie regelmäßig zu Lesungen in ihre „kleine Stube“ ein oder stellt deren Bücher ins Schaufenster. „Da empfehle ich gerne Schriftsteller und Werke, die noch keinen großen Namen haben.“ Bestseller-Listen traut sie eh nicht über den Weg. Das fördere die Gleichmacherei. „Zudem will ich selbst entscheiden, ob mir ein Buch gefällt, und dafür muss ich in ein Buch reinlesen.“ Ist das altmodisch? Petra Sperlich überlegt kurz. „Ja, vielleicht sind Menschen wie ich in zehn Jahren Exoten. Andererseits habe ich das schon vor zehn Jahren gedacht.“ Und sie habe seit einiger Zeit den Eindruck, dass der Trend beim Buch „wieder mehr zum Anfassen geht“.

Viel Liebe zum Detail

In dem Moment klopft es an der Eingangstür. Es ist 14 Uhr, die Mittagspause ist vorbei, die erste Kundin kommt. Die Thalenserin zieht den grünen Rollladen neben den zwei Schaufenstern hoch. Aus den ausgestellten Büchern ragen kleine, mit Hand geschriebene Preisschilder heraus - wie früher. „Das Schaufenster ist für mich ein Aushängeschild und kein Warenlager“, bekräftigt die 53-Jährige und freut sich, wenn solche Details auffallen.
In wenigen Wochen aber wird sie ihre beiden Schaufenster, in denen das neue Buch von Guido Westerwelle neben Lego-Star-Wars-Figuren und regionaler Literatur aus dem Harz steht, komplett ausräumen und mit ihrem Laden wenige Meter weiter in neue Räumlichkeiten ziehen. Dort hat sie 20 Quadratmeter mehr Platz, den Umzug finanziert sie mit den 7.000 Euro Preisgeld. Tee und Kaffee will sie dort kostenlos anbieten, ebenso W-LAN. „Das soll dann ein richtiger Treffpunkt werden.“ Vorher erfüllt sie der ersten Kundin des Nachmittages ihren Wunsch: ein neues Rommé-Spiel. Auch das gehört zum Service. (mz)


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