Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Schüsse in Wernigerode: 15-Jährige gilt als Einzelgängerin

Gerhart-Hauptmann-Gymnasium Wernigerode

Hintereingang des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums in Wernigerode

Foto:

Chris Wohlfeld

Wernigerode/MZ -

Etliche Polizeifahrzeuge stehen Dienstagmittag am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium in Wernigerode. Alle Eingangstüren sind durch Polizisten abgesperrt, das große Schulhaus unweit der Altstadt-Passagen wirkt verwaist. Doch im Inneren läuft die Spurensicherung auf Hochtouren, auch die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes wird hinzugezogen. Am Vormittag sind hier Schüsse gefallen - die Staatsanwaltschaft Magdeburg und die Polizeidirektion Nord sprechen von einem „Zwischenfall“. Eine 15-Jährige hat Mitschüler mit einer Schreckschuss-Pistole verletzt.

#image
9.30 Uhr. Die 8. Klassen des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums in Wernigerode lernen im Raum 12 im ersten Obergeschoss gerade Französisch, als ein Mädchen unvermittelt aufspringt. „Sie hat etwas gebrüllt und dann begonnen zu schießen“, sagt ein 14-jähriger Schüler, der die Szene miterlebt hat. Was hat sie gerufen? „Entweder ,Ich hasse euch alle‘ oder ,Ich habe euch alle‘, ich konnte es nicht so genau verstehen“, sagt der Junge, der am Mittag noch unter Schock steht.

Große Panik im Klassenzimmer

Seine Mitschülerin habe mit einer Schreckschuss-Pistole auf zwei Mädchen geschossen, die versucht hätten zu fliehen, und auch Schüsse in seine Richtung abgegeben, berichtet er. „Es gab große Panik, alle haben geschrien und geheult“, sagt der Zeuge. „Es ging drunter und drüber.“ Voller Angst seien die Schüler aus der Klasse gerannt. „Ein Junge hat sich auf das Mädchen geworfen und ist dabei von dem heißen Pulverdampf am Hals verletzt worden“, sagt der 14-Jährige. Wie die Polizei später mitteilt, kann der Mitschüler die 15-Jährige überwältigen und ihr die Pistole entreißen. Der Junge erleidet dabei ein Knalltrauma. Auch ein 15-jähriges Mädchen wird leicht im Gesicht verletzt

#gallery.

Die verängstigten Schüler versammeln sich draußen und rufen mit dem Handy die Polizei. „Die war in nicht einmal zwei Minuten da“, sagt der Augenzeuge. „Die Polizisten sind dann in die Schule gegangen und haben das Gebäude gesichert.“ Die Französisch-Schüler werden im benachbarten Einkaufszentrum in Sicherheit gebracht.

Unterricht abgebrochen

Der Unterricht im Gymnasium wird abgebrochen, das Team Wernigerode der Notfallseelsorge Harz hinzugezogen. Die vier Frauen und Männer kümmern sich um die Schüler. „Es war das ganze Programm: von Schülern, die gut damit zurechtkommen, bis zu Schülern, die eine Nachbetreuung durch psychologische Dienste brauchen“, sagt Seelsorger Thorsten Wiesener. „Viele waren aufgewühlt, ängstlich. Es gab viele, viele Tränen. Manche Schüler waren regelrecht aufgelöst.“

Das Angebot, mit den Seelsorgern zu sprechen, haben auch die vier Zehntklässler erhalten, die unweit der Schule darauf warten, von ihren Eltern abgeholt zu werden. Die beiden Mädchen und zwei Jungen wirken schockiert und verunsichert. Die vier hatten zur Tatzeit in einem anderen Gebäude Unterricht. „Wir wissen gar nicht genau, was passiert ist“, sagt einer der beiden 16-jährigen Jungen. Dafür aber wo: „Das ist in unserem Klassenraum passiert, in dem wir eine Stunde vorher Unterricht hatten“, erzählt seine Mitschülerin. Sie fühle sich unwohl bei dem Gedanken, wieder zur Schule zu gehen.

Motive sind unklar

Die Motive der Täterin sind unklar - genauso wie bei ihrem Amoklauf vor knapp eineinhalb Jahren in Ballenstedt. Nach der Tat wurde die damals 13-Jährige in einer psychiatrischen Klinik behandelt. „Nachdem sie einen längeren Zeitraum zur Diagnostik und Therapie in spezifischen Fachkliniken verweilte, befand sie sich seit Mai des vergangenen Jahres in einer therapeutischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Wernigerode“, teilt Ingelore Kamann, Sprecherin des Landkreises Harz, der MZ mit. „Diese Jugendhilfemaßnahme wurde im Einvernehmen mit den Eltern gewährt.“ Das therapeutische Internat sei darauf spezialisiert, „Jugendliche nach einem Klinikaufenthalt weiter zu betreuen und ihre Wiedereingliederung zu fördern“, so Kamann. Im Internat will man sich nicht äußern. Auf der Homepage heißt es: „Bei uns leben Kinder und Jugendliche, die oft nach psychiatrischen Erfahrungen oder Drogenmissbrauch den Weg zurück in einen selbstbestimmten Alltag finden wollen. Das Besondere: Wohnen und Fördern bilden bei uns eine Einheit aus familiärem Umfeld und therapeutischem Konzept.“

Die 15-Jährige stammt aus einem Dorf im Unterharz. Ihre Mutter lebt vom Vater getrennt. „Das Mädchen ist intelligent, aber recht eigenartig. Sie trägt immer schwarze Sachen, läuft an einem vorbei und will mit niemandem etwas zu tun haben - also eine Einzelgängerin. Unter der Scheidung der Eltern hat sie wohl sehr gelitten“, sagt der Ortsbürgermeister über die Schülerin. Ähnlich schildern sie die Mitschüler: „Sie war ziemlich komisch drauf“, sagt der 14-Jährige, der die Tat miterlebt hat. „Meist war sie zurückhaltend, sie konnte aber auch aggressiv werden.“


Das Wetter in Quedlinburg: präsentiert:

Bilder