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Pensionär pflegt seltenes Hobby : Der Haltestellen-Sammler aus Quedlinburg

Ulrich Waltemath registriert mit seinem Garmin Dakota 20 alle Bushaltestellen im Landkreis Harz - das sind 1 330.

Ulrich Waltemath registriert mit seinem Garmin Dakota 20 alle Bushaltestellen im Landkreis Harz - das sind 1 330.

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chris wohlfeld

quedlinburg -

Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken, Münzen oder Krawatten. Andere horten Ansichtskarten, Aschenbecher oder Plüschteddys. Ulrich Waltemath aus Quedlinburg schlägt da etwas aus der Art. Er sammelt Bushaltestellen. Etwa 750 davon hat er schon zusammen. Schöne und hässliche, mit und ohne Häuschen, behindertengerecht und halsbrecherisch. 80 in Quedlinburg, 46 in Thale. Natürlich nimmt der 70-Jährige die Haltestellen nicht mit und klebt sie zu Hause in sein Album. Waltemath ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Online-Plattform OpenStreetMap und als solcher dann doch gar nicht so ein Exot. Waltemath ist einer von 2.433.497 Menschen weltweit, die die frei verwendbare Karte mit neuen Daten füttern. Sie haben insgesamt die gigantische Zahl von 5.019.481.358 einzelnen Punkten hochgeladen (beide Zahlen Stand 20. Januar, 14 Uhr).

Die offene Straßenkarte

OpenStreetMap - das Wort sagt schon alles aus: offene Straßenkarte. „OpenStreetMap ist ein im Jahre 2004 gegründetes Projekt mit dem Ziel, eine freie Weltkarte zu erschaffen“, heißt es auf der Website. „Wir sammeln weltweit Daten über Straßen, Eisenbahnen, Flüsse, Wälder, Häuser und alles andere, was gemeinhin auf Karten zu sehen ist. Weil wir die Daten selbst erheben und nicht aus existierenden Karten abmalen, haben wir selbst auch alle Rechte daran.“ Die OpenStreetMap-Daten darf jeder lizenzkostenfrei einsetzen und beliebig weiterverarbeiten. OpenStreetMap (OSM) ist so etwas wie der kleine Bruder von Wikipedia - und genauso ein Segen. Wäre OSM nicht schon erfunden, man müsste es sofort tun.

Die Karten von OSM laufen auf Smartphones, auf Fahrradnavis, auf GPS-Geräten zum Wandern und natürlich auf PCs und Laptops. Sie sind auch die Grundlage für zahlreiche Wander-Websites im Internet. So werden etwa Wanderrouten, Radwege, Wege für Reiter, Kanu- und Paddelstrecken sowie Stadtrundgänge in ganz Sachsen-Anhalt auf www.naturfreude-erleben.de sowie auf der Naturfreude-App für Apple- und Android-Geräte präsentiert. Am Rechner lassen sich Strecken planen und dann auf das Smartphone oder ein passendes Navi ziehen. Fertig.

Mit dem Navi unterwegs

Solch ein Navi - ein Garmin Dakota 20 - hält auch Ulrich Waltemath in der Hand, als er Dienstagmittag am Quedlinburger Hauptbahnhof in den Bus 32 in Richtung Harzgerode steigt. Freundlich grüßt der 70-Jährige den Busfahrer, freundlich grüßt dieser zurück. Man kennt sich. Seit rund einem Vierteljahr hat Waltemath einen Freifahrtschein der Harzer Verkehrsbetriebe, mit dem er das ganze Netz befahren darf. Wenn der ehemalige Finanzbeamte in den Bus steigt, dann wissen die Fahrer schon, dass sie an jeder Haltestelle stoppen müssen - auch wenn niemand aussteigt. Denn nur wenn der Wagen hält, ist das GPS-Gerät genau genug, um die Position der Haltestelle aufzuzeichnen.

Als der Bus an der Haltestelle „Bodelandhalle“ stoppt, drückt Waltemath auf seinem Dakota auf „Wegpunkt markieren“ und anschließend auf „Speichern“. So registriert er Punkt für Punkt, Haltestelle für Haltestelle in seinem GPS-Gerät. „An einem Tag bin ich mal von Quedlinburg über Blankenburg nach Benneckenstein gefahren. Dann zurück nach Blankenburg und weiter nach Wienrode, zur Roßtrappe und über Thale zurück nach Quedlinburg“, sagt Waltemath mit einem zufriedenen Grinsen. „Da war fast ein ganzer Tag futsch.“

Nacharbeit am Schreibtisch

Dabei fängt die Arbeit erst richtig an, wenn der Pensionär mit seiner Ausbeute an GPS-Daten nach Hause an den Rechner kommt. „Auf eine Stunde Messen folgen zwei Stunden Nacharbeit“, sagt er. Mit einer speziellen Software liest Waltemath zunächst die Punkte aus seinem Garmin aus und bezeichnet jeden davon nach einem speziellen Muster. Dann exportiert er die Daten in einen eigens dafür angelegten Ordner und importiert sie von dort mit dem Editor „JOSM“ nach OSM. Weil das konventionelle GPS-Signal aber nur bis auf einige Meter genau ist, legt er anschließend noch ein Luftbild, das von der Microsoft-Suchmaschine „Bing“ kostenlos zur Verfügung gestellt wird, über seine Punkte. Jetzt kann er sie noch einmal so verschieben, dass sie auch wirklich zu den Haltebuchten der Busse passen.

Wie Waltemath zu OSM gekommen ist? Als Wanderführer der Quedlinburger Wanderfreunde hatte er schon oft Probleme mit verkehrt eingetragenen Wegen oder Schutzhütten, die nur auf der Karte existieren. Bei OSM, das hat er gelernt, kann man diese Fehler korrigieren. Und wenn sich viele Menschen beteiligen, können viele Fehler korrigiert und sehr, sehr viele Daten gesammelt werden. Zum Beispiel über die 1.330 Bushaltestellen im Landkreis Harz. (mz)


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