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Gedenken an Silvio Meier: Der sinnlose Tod eines Quedlinburgers

Silvio Meier

Der Quedlinburger Silvio Meier arbeitete in der Druckerei, die aus der Umweltbibliothek hervorging.

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privat

Quedlinburg/MZ -

Der 21. November wird für viele ein Tag wie jeder andere sein - nicht aber für die Quedlinburger Brigitte und Ronald Meier. Vor 21 Jahren verloren sie ihren jüngeren Sohn. Silvio Meier wurde in der Nacht vom 20. zum 21. November 1992 am Berliner U-Bahnhof Samariterstraße von Neonazis ermordet.

Straße nach Silvio Meier benannt

Wer war der junge Mann, der am 12. August 1965 in Quedlinburg geboren wurde und nach dem heute eine Straße in Berlin benannt ist? Als besonnenen und wissbegierigen Menschen beschreiben ihn seine Eltern. „Und er besaß einen tiefen Gerechtigkeitssinn“, sagen sie und nennen mehrere Beispiele aus der Schul- und Lehrzeit, die er in der Bosse- und Bernhard-Koenen-Oberschule sowie im VEB Mertik absolvierte. Er ließ sich zum Werkzeugmacher ausbilden.

Auf Meinungsverschiedenheiten auch wegen seiner Kritik an Mängeln im Staat und folgenden Repressalien der Lehrmeister protestierte er mit kleinen Spaßaktionen - ohne die Folgen zu bedenken. „Als er sich mit einem Kumpel auf Arbeit zum Spaß mit Tüchern verkleidete und sie sich als ,Kän-Gurus‘ ausgaben, wurde daraus gleich eine Sekte“, erinnert sich der Vater, der im gleichen Betrieb arbeitete. Oft musste er die Kritik von den Ausbildern wegen seines Sohnes einstecken.

Nach der politischen Wende wunderte sich Hans Jaekel, der Silvio aus der kirchlichen Jugendarbeit in Quedlinburg kannte, übrigens beim Blick in seine Stasiakte über diese Sekte. „Eine solche kannte ich bis dato gar nicht, aber sie wurde von den Spitzeln gleich mal der evangelischen Jugend angedichtet.“

In einem kirchlich gebundenen Zuhause blieb es nicht aus, dass die beiden Söhne Ingo und Silvio mit den Diskrepanzen zwischen sozialistischem Staat und Glaubensfragen konfrontiert wurden. „Silvio war aber auch der Meinung, dass sich die Kirche im Sozialismus zu sehr angepasst und damit das kommunistische System letztlich mitgetragen habe“, sagt Jaekel.

Nach Ende der Ausbildung blieb Silvio zunächst noch im Harz, aber immer mit dem Wunsch, an der Gesellschaft etwas zu verändern. Trotz enger Bindung zwischen beiden Brüdern gingen die Meinungen über Wege und Ziele langsam auseinander. „Dem etwas radikaler denkenden Ingo setzt Silvio diplomatischere Lösungen entgegen“, beobachtete Jaekel, damals Jugenddiakon. „Für Veränderungen war ihm aber seine Heimat zu provinziell“, stimmen Eltern und Jaekel überein. Ihn zog es deshalb nach Berlin, wo er sich in der Umweltbibliothek um Aufklärung über Tschernobyl, Bitterfeld und andere Themen engagierte, die von der Regierung verschwiegen wurden. Ziel der „Kirche von unten“, deren Kassenwart er wurde, war der Protest vorwiegend jüngerer Christen gegen die Nähe der Kirchenleitung zum Staat.

Stasi überfiel die Umwelt-Bibliothek

Träume nach größeren Freiräumen zerbrachen schnell. Die Stasi überfiel die Umwelt-Bibliothek, nahm Mitarbeiter fest und beschlagnahmte kostbare Druckutensilien, mit denen wichtige Publikationen hergestellt wurden. Nach der Wiedervereinigung übernahmen übrigens Silvio sowie Freunde die Druckerei, wie eines der wenigen Fotos von Silvio aus der Berliner Zeit bestätigt. „Silvio nutzte als Argumente lieber Sprache und gedruckte Texte“, erklärt Jaekel. Er rebellierte gegen bürgerliche Bequemlichkeit, die es in der DDR ebenso gab wie danach im kapitalistischen System. „Auf keinen Fall war er ein gewalttätiger Antifaschist“, ergänzt er nach kurzem Nachdenken. Jaekel: „Doch genau so sollte er von einigen nach seinem Tod vereinnahmt werden.“

Dass Silvio aus seiner Ablehnung gegen rechtes Gedankengut keinen Hehl machte, sei unbestritten. Zu oft gab es auch schon vor dem 21. November 1992 Auseinandersetzungen mit den Neonazis. Sie begannen bereits am 17. Oktober 1987 in der Zionskirche. Das Punk-Konzert mit „Die Firma“ aus Ost-Berlin sowie „Element of Crime“ aus Westberlin im Ostberliner Gotteshaus wurde von Neonazis überfallen - und die Polizei schaute zu. Schließlich hätte es nach sozialistischem Denken keine Nazis geben dürfen. Was übrigens die wenigsten erfuhren: Das Konzert hatten Silvio und Ingo Meier gemeinsam organisiert. Letzterer wohnte damals in Westberlin. Erst Wochen vor dem Konzert hatte Silvio auf dem Berliner Olof-Palme-Friedensmarsch Christiane Schideck kennengelernt, die spätere Mutter des gemeinsamen Sohnes Felix.

„Er hatte noch so viel vor“, sagen seine Eltern, die spätestens nach dem Kennenlernen der „Besetzer eines leerstehenden Hauses in der Schreinerstraße“, zu denen auch Silvio mit Freundin „Chrischi“ und dem 1991 geborenen Sohn gehörten, Sympathie für die jungen Leute gewannen. „Sie wollten einfach nach ihren eigenen Plänen leben.“

Opfer von rechter Gewalt

In einer Phase des aufkommenden Rechtsextremismus wurde Silvio schließlich das sinnlose Opfer von rechter Gewalt. Nach einem verbalen Streit zuvor griffen Neonazis Silvio und seine Freunde mit Messern an. Zwei von ihnen wurden schwer verletzt, für den Quedlinburger kam jede Hilfe zu spät.

Mit einem Schweigemarsch und einem Kreuz vor dem Rathaus haben damals über 1 000 Quedlinburger ihre Trauer um Silvio Meier gezeigt. Bis heute erinnern seine Freunde und Hunderte Sympathisanten in Berlin zum Todestag an ihn. Im April dieses Jahres wurde sogar eine Straße in Friedrichshain nach Silvio Meier benannt, im U-Bahnhof gibt es eine Gedenktafel.


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