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Doppelmord Quedlinburg: Vater des Täters verblutete

Uhr | Aktualisiert 19.12.2012 13:05 Uhr

Zwei Beamte der Dienststelle Quedlinburg sichern das Mord-Haus im Klopstockweg 72. (FOTO: WOHLFELD)

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Polizei und Staatsanwaltschaft haben am Montag die Ermittlungen zum blutigen Familiendrama von Quedlinburg im Harz fortgesetzt. Am Vormittag sollten die Leichen des 72 Jahre alten Mannes und seiner 60 Jahre alten Frau obduziert werden.
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Quedlinburg/BIELEFELD/MZ. 

Polizei und Staatsanwaltschaft haben am Montag die Ermittlungen zum blutigen Familiendrama von Quedlinburg im Harz fortgesetzt. Am Vormittag wurde die Leiche des 72 Jahre alten Mannes obduziert. Bei der Obduktion des Vaters sind „mehrfache Einschüsse“ festgestellt worden, berichtet Silvia Niemann, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Magdeburg, der MZ. „Der Tod ist durch innerliches Verbluten eingetreten“, so die Oberstaatsanwältin.

Die Frau des 72-Jährigen, die 60-jährige Stiefmutter des mutmaßlichen Täters, soll erst am Dienstag obduziert werden. Ob der überlebende Bruder bereits befragt worden ist, konnte Niemann nicht sagen. Da der mutmaßliche Täter Siegfried G. weiter zu dem Tatvorwurf schweige, müsse nun „jedes Puzzle-Teil zusammengetragen werden“, so Niemann.

Die Flucht des Täters dauert am vergangenen Wochenende 24 Stunden. Dann fassen Spezialkräfte den Mann, der seinen Vater und die Stiefmutter getötet haben soll. Siegfried G., 25, lässt sich Samstagabend um 20.30 Uhr in seinem Wohnort Bielefeld von einer SEK-Einheit widerstandslos festnehmen.

24 Stunden zuvor, Freitagabend, 20.15 Uhr, hat er im Haus seiner Eltern im Quedlinburger Klopstockweg ein Blutbad angerichtet. Mit mehreren Schüssen aus einer kleinkalibrigen Pistole streckt er seine Stiefmutter, 60, und seinen 72-jährigen Vater nieder. Auch der 40-jährige Halbbruder wird getroffen. Er schleppt sich offenbar zu den Nachbarn, um dort Hilfe zu holen. Die Klingelknöpfe sind blutverschmiert. Schließlich ruft er um 20.15 Uhr per Telefon die Polizei.

Der Mann kann gerettet werden. Er ist nach einer Notoperation außer Lebensgefahr und wird in einer Magdeburger Klinik behandelt. Sein Vater dagegen stirbt am Freitagabend noch auf dem Weg in die Klinik. Doch auch seine Stiefmutter tötet der 25-Jährige. Als Spezialkräfte das dreigeschossige Reihenhaus unweit des Quedlinburger Finanzamtes stürmen, finden sie die Leiche der 60-Jährigen.

Raub und Körperverletzung

Was aber hat den jungen Mann dazu gebracht, auf Vater, Stiefmutter und Halbbruder zu schießen? Polizei und Staatsanwaltschaft tappen noch im Dunkeln. Doch bei den Gerichten ist Siegfried G. inzwischen ein guter Bekannter. „Er kann einen bunten Strauß von diversen Delikten vorweisen“, sagt sein Pflichtverteidiger Carsten Ernst aus Bielefeld. So sei er in Quedlinburg zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Vom Amtsgericht Bielefeld gibt es wegen Raubes eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Und auch in Magdeburg hat sich der 25-Jährige bereits vor Gericht verantworten müssen - wegen Körperverletzung. Eigentlich hätte G. an die fünf Jahre Haft abzusitzen - doch bislang ist keines der Urteile rechtskräftig.

Als Siegfried G. nach dem Blutbad in der Harzstadt nicht aufzufinden ist, sucht ihn die Polizei bundesweit, mit Namen und Foto. Das Amtsgericht Halberstadt hat gegen den 25-Jährigen einen Haftbefehl ausgestellt - wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes. Die Ermittler fokussieren sich auf die Stadt Bielefeld. Dort wohnt der 25-Jährige, dort hat er das Carl-Severing-Berufskolleg besucht. Beamte observieren seine Wohnung. Ein Zugriff des SEK läuft aber ins Leere - es ist keiner zu Hause. Für zusätzliche Verwirrung sorgt dann die Meldung einer Nachrichtenagentur, nach der G. in Blankenburg, 15 Kilometer von Quedlinburg entfernt, gefasst worden sei. Die Polizei dementiert das.

Doch aus der Bevölkerung gibt es Hinweise zu seinem Aufenthaltsort, sagt Frank Küssner, Sprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord. Letztlich machen Beamte den Gesuchten am Bielefelder Hauptbahnhof ausfindig. 300 Meter entfernt wird er an einem menschenleeren Ort überwältigt. „Er hatte die Pistole nicht dabei und ist auch nicht verletzt worden“, sagt der Polizeisprecher.

G. wird noch in der Nacht nach Magdeburg gebracht und am Sonntag dem Haftrichter vorgestellt. Dort schweigt er dann allerdings ebenso wie gegenüber seinem Anwalt. „Darum kommen wir auch nicht weiter, was das Motiv und die anderen Hintergründe der Tat betrifft“, sagt der Polizeisprecher. Der Haftrichter erlässt nach der Befragung Haftbefehl, und der mutmaßliche Doppelmörder wird am Nachmittag in die JVA Magdeburg gebracht.

Ärger schon zu DDR-Zeiten

Der 25-Jährige ist offenbar in einer Atmosphäre der Gewalt groß geworden. „Das Haus war immer was Besonderes“, berichtet ein Nachbar. „Hier gab es schon zu DDR-Zeiten oft Ärger.“ Einige Einblicke in die Gedankenwelt des mutmaßlichen Doppelmörders gibt seine Facebook-Seite. „Ich bin siggi der Pittbull ohne leine glaub mir wen ich es dir sage gibst du missgeburt die scheine“, schreibt er über sich. Ansonsten präsentiert sich Siegfried G. dort mal ausgehfein, mal protzt er mit seinem geplanten Unterarmtattoo: „ACAB“ soll dort mal stehen - „all cops are bastards“ (alle Polizisten sind Bastarde). Seinen Freunden empfiehlt er schwer verdauliche Musik von MC Basstard - einem Horrorcore-Rapper. In dem Lied, das G. dort gepostet hat, singt MC Basstard: „Ich hatte immer ein reines Herz. Zuerst kommt mein Bruder, Geld hat keinen Wert. Aber jetzt habe ich mich weit entfernt. Nur noch Gott kann mir helfen.“

Doch möglicherweise sind die Gründe für die Bluttat ganz simpel. Nach Informationen der MZ haben die Polizisten in dem Haus in Quedlinburg auch Spielkarten gefunden, die auf dem Boden herumlagen. Ist es zu einem tödlichen Streit zwischen Vater und Söhnen über den Spielausgang gekommen? War Siegfried G. an diesem verhängnisvollen Abend vielleicht einfach nur ein schlechter Verlierer?

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