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Ausgefallenes Hobby: Wolfgang Stöcker sammelt Staubflusen für die Wissenschaft

Miniaturfiguren beräumen den Einschlagsort eines Staubasteroiden.

So könnte es mit viel Fantasie aussehen: Miniaturfiguren beräumen den Einschlagsort eines Staubasteroiden.

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Chris wohlfeld

Halberstadt -

Was der Kölner Wolfgang Stöcker tut, könnte jemand „ziemlich gaga“ nennen oder „mächtig interessant“. Derzeit sucht er seine Staubspuren in den Literaturhäusern der Welt. Durch eine Karte der Dichtergedenkstätten stieß er auf das Literaturmuseum der Aufklärung im Halberstädter Gleimhaus. Dort hielt man zuerst den seltsamen Brief aus Köln für einen Scherz, dann suchten die Mitarbeiter lange nach Flusen und stießen im Tresorraum auf den gewünschten Staub im Keilrahmen eines Gemäldes.

Den registrierte Wolfgang Stöcker unterdessen unter der Kulturstaub-Nummer 132 in ehrenwerter Gesellschaft von Kaiserpalast Kyoto und Holstentor Lübeck. Die Region ist im Staubarchiv dagegen bereits mit dem Halberstädter und dem Magdeburger Dom sowie Flusen aus der Quedlinburger Stiftskirche vertreten.

Staubprobe aus dem Bundeskanzleramt fehlt noch

Jedem Bundespräsidenten seit Roman Herzog hat er geschrieben, nie erhielt er eine Antwort. „Das ist mein größtes Ärgernis.“ Dabei ist das Anliegen des Kölners Wolfgang Stöcker vergleichsweise schlicht. Für das „Deutsche Staubarchiv“ bittet er um eine kleine Probe politischen Staubs. „Das Bundeskanzleramt hat mir zwar keine Probe geschickt, mir aber angeboten, wenn ich mal in Berlin sei, könnte ich mir Staub abholen“, berichtet der 46-Jährige.

Sein Archiv arbeitet interdisziplinär in den Feldern Kunst, Alltagsgeschichte, Geologie, Chemie und Physik. Seit 2004 trägt der Kunstgeschichtler und Künstler Wolfgang Stöcker das zusammen, was andere absaugen, wegwischen und -kehren, um möglichst sauber dazustehen: Wollmäuse, Staubpartikel oder Flusen. All das landet bei ihm seit 2004 nicht etwa im Staubsauger-Inneren, sondern im Archiv-Normbeutel.

Er hat sie nicht durchgezählt, aber um die 400 werden es sein, die in seinem Atelier lagern. „Die Sammlung finde ich ziemlich übersichtlich, mehr als drei Meter Aktenordner sind das nicht, aber es ist ja ein ständig wachsendes Projekt“, gesteht der „Abstauber“. Längst rekrutierte er „Staubscouts“, die geeignetes Material weltweit aufspüren. „Wir erforschen das Saug-, Kehr- und Wischverhalten putzender Menschen“, sagt Stöcker, der dazu animiert, ein Staubtagebuch zu führen.

Was andere wegwischen, sammelt Stöcker

So kategorisiert er die Bröckchen, Partikel und weiteren optischen Hygiene-Killer in Kultur- und sakrale, politische, kulinarische, musikalische und Naturraumstäube. So breit gestaltet sich dann auch das Zusammengeblasene, Gekehrte oder Gewischte: Fusseln aus der Weimarer Fürstengruft, Staub aus der Sahara, der Verbotenen Stadt von Peking und aus Petra, der Stadt der Felsengräber, und Wollmäuse aus den Uffizien in Florenz.

Sein Exponat Nr. 1 stammt natürlich aus seiner Heimatstadt, entnommen am 28. Mai 2004 im Kölner Dom. „Unterdessen paaren sich damit oft Fotos, zur historisch markante Staubprobe vom Empire State Building findet sich die Aufnahme aus dem Aufzugschacht des Gebäudes“, erzählt Wolfgang Stöcker. Er bittet in seinen Briefen um genaue Angaben zum Fundort und Zugaben wie Briefköpfe, Programmhefte und Eintrittskarten. Schließlich soll den Fundort kultureller Wert auszeichnen. Den erkennt Stöcker augenzwinkernd auch in renommierten Weinkellern.

Doch Bekanntheitsgrad allein sei für den Staubforscher nicht bedeutsam. „Auch wenn es etwas humorig begann, es ist ein ernst zu nehmendes Projekt. Denn im Allgemeinen gilt: Staub empfinden wir als lästig, und was wir schätzen, säubern wir. Der skurrile Moment entsteht vor allem dadurch, dass plötzlich jemand Staub als archivierungswürdiges Objekt sieht“, meint Stöcker. Und philosophiert über die „gewisse Poesie und das Filigrane“ des Staubs, den er als ein Symbol für Verfall und Vergänglichkeit versteht. An die Harzer hat er aber noch einen spezielle Wunsch: „Vielleicht schickt mir ja jemand etwas Brocken-Staub für unser Sammelgebiet.“

Seit 2010 archiviert er Staub aus Wüsten, Nationalparks, von Bergen und berühmten Stränden. „Streng genommen sind solche Naturorte nämlich Kunstorte. Es sind künstlich erhaltene Riesenterrarien in einer ansonsten vom Menschen technisierten und artifizierten Welt.“

Weitere Informationen gibt es unter www.deutsches-staubarchiv.de, über Telefon 0221/1 79 39 84 und Mail info@deutsches-staubarchiv.de


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