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Zweiter Weltkrieg: «Es gibt die Gefahr, dass Stalin zur Ikone umgedeutet wird»

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 15:43 Uhr
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70 Jahre nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad sieht der russische Historiker Alexander Vatlin keine offenen Wunden mehr zwischen den früheren Feinden. „Die Deutschen haben genug dafür getan, sich von dem Erbe des Nazi-Regimes zu befreien“, meinte Vatlin in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.
Moskau/dpa. 

Der Moskauer Universitätsprofessor und Buchautor sieht aber Aufklärungsbedarf bei seinen eigenen Landsleuten.

Auch Deutsche kommen zu den Gedenkfeiern nach Wolgograd. Sehen Sie noch Feindbilder oder offene Wunden?

Alexander Vatlin: „Moderne Russen sehen die Deutschen als Volk schon nicht mehr als Feinde. Das ist auch der sowjetischen Propaganda und Ideologie geschuldet, die unterscheiden konnte zwischen dem politischen Regime des Faschismus und dem deutschen Volk, das sich für betrogen und unterjocht hielt. Auch die direkten Kontakte zwischen den Menschen dienen der Zusammenarbeit.“

Wie wichtig sind solche Begegnungen?

Vatlin: „Unter den Deutschen, die Wolgograd besuchen, sind schon keine Teilnehmer dieser Schlacht mehr. Aber ihre Nachfahren kommen, um sich davon zu überzeugen, was für ein Irrsinn das Dritte Reich war. Das ist wichtig für die Formierung einer demokratischen und pazifistischen Erinnerungskultur. Die Deutschen haben genug dafür getan, sich von dem Erbe des Nazi-Regimes zu befreien.“

Wie kommt es, dass Deutsche trotz ihrer Kriegsschuld mit großer Wärme in Russland aufgenommen werden - anders als anderswo?

Vatlin: „Das hängt - wie mir scheint - damit zusammen, dass unsere beiden Länder im vergangenen Jahrhundert durch Stalin und Hitler in eine „Epoche der Diktatur“ hereingezogen wurden. Das russische Volk war aber auch nie nachtragend.“

Noch immer huldigen dem damaligen Oberbefehlshaber Stalin nicht nur viele Veteranen und Kommunisten. Wie gefährlich ist diese Tendenz?

Vatlin: „Stalin war ein grausamer Diktator. Das bestreitet niemand. Aber es bestreitet auch niemand, dass er der Oberbefehlshaber war, mit dem an der Spitze die Rote Armee den Krieg gegen den deutschen Faschismus gewonnen hat. Natürlich gibt es die Gefahr, dass Stalin zur Ikone umgedeutet wird. Ihn als Symbol des Mutes und der Autorität zu sehen, das gibt es auch unter den jungen Russen. Ich würde diese Tendenz aber nicht überbewerten.“

Es gibt aktuell auch Forderungen, Wolgograd wieder Stalingrad zu nennen. Haben solche Initiativen eine Chance?

Vatlin: „Versuche, den Stalin-Diktator von dem Stalin-Kommandeur zu trennen, sind ideologischer Natur, sie werden niemals von der Gesellschaft professioneller Historiker unterstützt. Ich sehe heute zudem keine politischen Ressourcen, die eine Umbenennung Wolgograds ernsthaft unterstützen.“

Was können Historiker tun in Russland für eine bessere Aufklärung?

Vatlin: „Mir scheint, dass viele meiner Kollegen mangels Auftrages der Machthaber durch die eine oder andere Interpretation der Vergangenheit selbst versuchen, eine Art Geschichtspolitik zu formulieren. Aber das führt zu nichts. Wir müssen unseren Bürgern ein gutes Wissen über ihre Vergangenheit geben, damit sie eigenständig ihre Werthaltung entwickeln können. Am Ende gäbe es dann eine vielfältige Erinnerungslandschaft, die auch charakteristisch für eine demokratische Gesellschaft nach europäischem Vorbild ist.“