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Wie im Kalten Krieg: Ehepaar wegen Spionage für Russland vor Gericht

Uhr | Aktualisiert 15.01.2013 23:24 Uhr
Andreas Anschlag (2.v.r, Deckname), ein mutmaßlicher russischer Agent, unterhält sich im OLG in Stuttgart mit einem seiner Anwälte (r). Links steht seine ebenfalls angeklagte Ehefrau Heidrun (Deckname). (FOTO: DPA) 
Es klingt nach einem Thriller: Unter dem Deckmantel familiärer Idylle soll ein russisches Agentenpärchen jahrelang in Deutschland geschnüffelt haben. Auch nach Ende des Kalten Kriegs ist Spionage keine Seltenheit. Doch der moderne Spion dringt in Computer ein.
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Stuttgart/Karlsruhe/dpa. 

Als der Reisepass ihrer Tochter in Übergröße auf einer Leinwand im Stuttgarter Oberlandesgericht prangt, ist es mit der Beherrschung von Heidrun Anschlag vorbei. Tränen fließen. Mehr als 20 Jahre soll sie in Deutschland ein Aliasleben mit ihrem Mann Andreas aufgebaut haben, um Russland mit Informationen über EU, Nato und UN zu versorgen. Hunderte Dokumente spielten sie laut Bundesanwaltschaft dem SWR zu, einem Nachfolger des russischen KGB. Am Dienstag begann der Prozess (Az.: 4b - 3 StE 5/12).

Ihre richtigen Namen kennt nicht einmal der Strafsenat. 53 und 47 Jahre alt sind die Angeklagten angeblich. Ende der 1980er Jahre kamen sie laut Anklage mit den falschen Identitäten über die Grenze - als Österreicher südamerikanischer Herkunft. Sie heirateten, kurz darauf wurde die Tochter geboren. Die Frau wusste nach Zeitungsberichten nichts von den mutmaßlichen Spitzeldiensten ihrer Eltern. Selbst im Prozess wirken die Eheleute unauffällig. Sie blond, er grau meliert, Statur durchschnittlich, besondere Merkmale: keine. Als Spione kassierten sie beim SWR laut Anklage rund 100.000 Euro im Jahr.

Kontakt zur Führungsstelle hielten sie über Agentenfunk, „tote Briefkästen“ oder Satellit. Hin und wieder sollen sie auch geheime Botschaften in Kommentaren zu YouTube-Videos im Internet versteckt haben. Bei der Festnahme hörte die Frau gerade verschlüsselte Nachrichten mit dem Kurzwellenempfänger ab. Seit rund einem Jahr sitzen die mutmaßlichen Spione in Untersuchungshaft. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

In Russland erwähnen staatstreue Medien die Affäre mit keiner Zeile. Auch die in internationalen Spionagefällen durchaus übliche Gegenmaßnahme - das Aufdecken vermeintlicher fremder Agenten - blieb vonseiten Russlands bisher aus. Von Kremlchef Wladimir Putin, der zu DDR-Zeiten für den sowjetischen Geheimdienst KGB in Dresden gearbeitet hatte, gab es bislang keinen Kommentar.

Der Prozess weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg, als sich die Staaten des Warschauer Pakts und der Nato unversöhnlich gegenüberstanden. Unvergessen ist der Fall Günter Guillaume, der als größter Spionagefall der deutsch-deutschen Geschichte gilt. Guillaume war enger Berater des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. Seine Enttarnung als Spion der DDR führte 1974 mit zu Brandts Rücktritt. Legendär sind Agenten-Austausche auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam, wo auch Guillaume in den Osten entlassen wurde. Sein damaliger Anwalt Horst-Dieter Pötschke vertritt nun im Stuttgarter Verfahren den Angeklagten Andreas Anschlag.

Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhanges bleibt Deutschland ein begehrtes Ausspähungsziel. Die Aufgabe moderner Spione: Wissen abgreifen, das staatliche Verwaltung und Wirtschaft elektronisch aufbewahren oder über elektronische Netze verschicken. Laut Verfassungsschutzbericht des Bundes spionieren vor allem Staaten der Russischen Föderation und die Volksrepublik China in Deutschland.

Um Informationen in Deutschland zu bekommen, tarnen russische Nachrichtendienste ihre Mitarbeiter als Diplomaten oder Journalisten - als Diplomaten sind sie dann in der Regel auch vor Strafverfolgung geschützt. Mitarbeiter mit falschen Identitäten seien in der Regel besonders schwer zu enttarnen. In den vergangenen fünf Jahren seien in der EU und der NATO mindestens 15 solcher Mitarbeiter enttarnt worden, heißt es.

Trotz „Blamagen“, wie Moskauer Medien das Aufdecken von Spionen nennen, gilt die Agententätigkeit bei jungen Russen als äußerst lukrativ. Viele werten eine solchen Job als gut bezahlten Einsatz fürs Vaterland. Offensiv wirbt der SWR im Internet: „Spionage ist ein wichtiger Faktor für das Überleben eines Staates.“ Es gehe um einen uralten Job: „Geheimoperationen kommen schon in der Bibel und im Koran vor.“