Vorlesen

Terrorismus: Details der Treibjagd auf Osama Bin Laden

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 19:06 Uhr
Idealisierte Bilder eines chirurgischen Einsatzes, der in Wirklichkeit etwas anders ablief als ursprünglich geschildert: «Neptuns Speer» war eine blutige Angelegenheit. (FOTO: WEINSTEIN PIC.) 
Von
Mehr als zehn Jahre verfolgte die Weltmacht USA den Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden. Die Einzelheiten über das tödliche Schlusskapitel werden erst jetzt bekannt.
Drucken per Mail
Halle (Saale)/MZ. 

Die ersten Bilder kommen aus dem Keller des Weißen Hauses. Ein angespannt vorgebeugter Barack Obama, ein paar Militärs, ein Tisch voller Laptops und Außenministerin Hillary Clinton mit entsetzt vor den Mund geschlagener Hand: Die führenden Köpfe der Weltmacht Nummer 1 schauen in jener Nacht zum 2. Mai 2011 gebannt auf ein paar Bildschirme im halbhoch holzgetäfelten Situation Room im Untergeschoss des Regierungssitzes.

Geschichte aber geschieht in diesen Stunden nicht hier, sondern elfeinhalbtausend Kilometer entfernt. Wenige Stunden zuvor sind 24 Angehörige der Navy Seal-Eingreiftruppe Devgru in zwei MH-60 Black Hawk-Hubschraubern im afghanischen Dschallabad gestartet. Ziel der Einheit ist die pakistanische Stadt Abbottabad, genauer ein Haus im Vorort Bilal Town, kaum zwei Kilometer entfernt vom berühmten Karakorum-Highway, der an Pamir, Himalaya und Hindukusch vorüberführt und Westchina mit Pakistan verbindet. Hier lebt seit 2006 ein Mann, der nie vor die Haustür tritt. Frische Luft schnappt er auf einem schmalen Balkon, der bis über Kopfhöhe ummauert ist. Es gibt kein Telefon im Haus und kaum Besucher, der zweigeteilte Hof sieht auf den Bildern, die CIA-Drohnen geschossen haben, völlig verwahrlost aus.

Die CIA-Analystin Jen, deren Nachname bis heute streng geheimgehalten wird, war sich dennoch sicher: In "Waziristan Haveli", wie die Nachbarn den geheimen Gebäudekomplex mit den bis zu fünfeinhalb Metern hohen Mauern nennen, wohnt niemand anders als Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden.

Das Unternehmen ist riskant, die Erfolgsaussichten sind ebenso unklar wie die Rechtslage. Doch nach langem Zögern hat Barack Obama grünes Licht für die Operation "Neptuns Speer" gegeben. Ziel der Aktion: Aufspüren des meistgesuchten Terroristen der Welt und, diese Weisung wird von den Navy-Seals durchaus von Anfang an korrekt verstanden, seine Vernichtung, wenn er Anstalten zu einer Gegenwehr macht.

Beim Angriff, den die härtesten Kerle der US-Streitkräfte wochenlang in einer eigens nachgebauten Kopie von "Waziristan Haveli" geübt haben, geht allerdings von Anfang an alles schief, wie der an der Aktion beteiligte Navy Seal Matt Bissonnette alias Mark Owen in seinem Tatsachenbericht "Mission erfüllt" (Heyne-Verlag, 17,99 Euro) erzählt. War ursprünglich geplant, Bin Laden und seine wenigen Gefolgsleute zu überraschen, scheitert dieser Ansatz buchstäblich schon im Anflug. Einer der beiden Black Hawks gerät in Turbulenzen und statt seine Seals geordnet an Seilen landen zu können, knallt er mit dem Heck gegen eine Mauer und kippt um.

Die Angriffsordnung ist dadurch verloren. Die Hoffnung, die Hausbewohner könnten die kreisenden Hubschrauber für Maschinen des nahegelegenen Stützpunktes der pakistanischen Armee halten, schwindet. Zwar können sich die zehn Seals aus dem abgestürzten Helikopter befreien. Aber zwischen ihnen und dem Ziel liegt eine Mauer, zwischen ihnen und dem erhofften Überraschungseffekt ein abgestürzter Hubschrauber und wenig später auch noch eine Sprengladung, die dazu dient, das Tor zum Haupthof zu öffnen. Abu Ahmed al-Kuwaiti, der Mann, dessen jahrelange Beobachtung die Amerikaner erst hierher geführt hatte, war jedenfalls hellwach. Al Kuwaiti habe mit seinem Sturmgewehr blindlings und in Brusthöhe eine Salve auf die Navy Seals abgegeben, beschreibt Matt Bissonnette. Der 34-Jährige aus Wrangell, einem winzigen Ort in Alaska, schießt zurück. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür zum Gästehaus, in das sich Al Kuwaiti geflüchtet hatte. Eine Frau kommt mit einem Kind auf dem Arm und mehreren anderen im Schlepptau heraus. "Ihr habt ihn getötet", sagt sie auf arabisch. Bissonnette gibt zu, dass er dennoch kein Risiko eingehen wollte. "Ich legte an und gab ein paar Schüsse ab, damit Al Kuwaiti mit Sicherheit ausgeschaltet war."

Mit Gnade darf hier niemand rechnen, das macht die in den USA heiß diskutierte Beichte des Chefs von Seal-Team 6 deutlich. Bissonnette, inzwischen aus der Navy ausgeschieden, enttarnt die offiziell erzählte Geschichte vom schnellen, chirurgischen Zugriff als bloßen Propagandaschwindel. Mehrere Minuten dauert es, bis sich seine Einheit zum Haupthaus vorgearbeitet hat. Auch hier muss wieder gesprengt werden, auf dem weiteren Weg zum Aufenthaltsort von Bin Laden taucht dann auch noch ein Mann auf, von dem die Seals annehmen, er könne Widerstand leisten. Khalid Bin Laden, der Sohn des Al-Qaida-Chefs, wird im Treppenhaus erschossen, als er den Kopf herausstreckt. Der 18-Jährige ist unbewaffnet, seine Kalaschnikow lehnt neben ihm an der Wand.

Von der Anweisung Barack Obamas, "Osama Bin Laden zu fassen" ist in jener Nacht in Abbottabad nicht viel zu spüren. Dabei sind die Einsatzkräfte von der fehlenden Gegenwehr so überrascht wie der Bin-Laden-Clan vom Zugriff der Amerikaner. "Wir hatten mit mehr Widerstand gerechnet", beschreibt Bissonnette, aber "trotz all dem Gerede über Sprengstoffgürtel und die Bereitschaft, das eigene Blut für Allah zu vergießen, hatte bisher nur einer der beiden Al-Kuwaiti-Brüder Schüsse abgegeben".

Dabei bleibt es auch. Durch den engen Treppenaufgang zwängen sich die mit 30 Kilogramm Ausrüstung beladenen Seals in den zweiten Stock. Bissonnette folgt direkt dem sogenannten Point Man, der die Spitze bildet. Und plötzlich noch von der Treppe aus zwei Schüsse abgibt.

Sekunden später stehen der Point Man, Bissonnette und ein dritter Seal in einem Schlafzimmer, in dem zwei Frauen in langen Kleidern laut wehklagend neben einem Mann stehen, der am Boden liegt und sich "in Todeszuckungen krümmt". Bissonnette und der zweite Seal legen aus nächster Nähe an und feuern mehrmals auf Osama Bin Laden. "Er rührte sich nicht mehr."

Es ist das Ende einer mehr als zehn Jahre dauernden Jagd, die nach dem 11. September 2001 zu einer Frage der Ehre für Amerika geworden war. Der gefürchtete Gegner liegt in ärmellosem T-Shirt, hellbrauner Hose und hellbrauner Tunika am Boden, sein Bart ist schwarzgefärbt, die rechte Kopfseite durch einen Treffer aufgerissen. Mark Bissonnette holt Vergleichsfotos aus der Tasche, um den Terrorscheich einwandfrei identifizieren zu können. Sein Kollege Will entnimmt dem Toten DNA-Proben, die später untersucht werden sollen. Mit einem Zipfel der Bettdecke wischen die Soldaten dem Terroristen das Blut aus dem Gesicht. Dann werden Fotos gemacht. Ganzkörperaufnahmen. Kopf, Gesicht, Profil. Nahaufnahmen vom Auge. Ein Mädchen, das die Seals für eine Tochter des Toten halten, gibt dessen Namen schließlich als Osama Bin Laden an. Eine ältere Frau bestätigt das. Jetzt erst rufen die Männer per Satellitentelefon in Washington an: "Für Gott und Land melde ich Geronimo", gibt ein Mann den für den Erfolgsfall vereinbarten Code durch.

Das zweite Team sammelt derweil Datenträger ein und ein Teammitglied bereitet die Sprengung des havarierten Helikopters vor, der den pakistanischen Verbündeten nicht in die Hände fallen soll. Matt Bissonnette durchsucht die Privaträume des gefürchteten Terrorfürsten. Er findet eine Kalaschnikow und eine Makarow-Pistole. Beide sind ungeladen. Ein Rätsel für den Todesschützen. "Bin Laden hat gewusst, dass wir kamen, er hat die Hubschrauber gehört", sagt er, "trotzdem hat er rein gar nichts unternommen."

Auch interessant