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Syrien: Assad kommt aus Deckung raus

Uhr | Aktualisiert 07.01.2013 08:39 Uhr
Das Assad-Regime gerät durch den Vormarsch der Aufständischen immer stärker unter Druck. (FOTO: DPA) 
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Syriens Präsident taucht aus der Deckung auf. In einer seltenen Rede wendet er sich an das Volk. Es ist eine Inszenierung im Opernhaus mit applaudierenden Komparsen. Die Botschaft: Assad will nicht weichen.
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Istanbul/Beirut/DPA. 

Wie auf Kommando ertönen der frenetische Applaus und die Rufe „Gott schütze dich“ als Präsident Baschar al-Assad im Damaszener Opernhaus auf die Bühne tritt. Zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wendet er sich in einer Rede an das syrische Volk. Im schwarzen Anzug, mit ernstem Blick beklagt er, dass es in Syrien keine Freude, kein Licht mehr gebe, seit „Terroristen“ das Land heimgesucht hätten.

Der Machthaber spricht seit Beginn des Aufstands gegen ihn im März 2011 nur noch selten in der Öffentlichkeit. Und am Inhalt ändert sich nichts - auch wenn er im blutigen Konflikt immer mehr mit dem Rücken zur Wand steht. In jedem seiner Sätze macht er deutlich: Er und seine Anhänger sind die Guten, die anderen die Bösen - „Killer“ und „Terroristen“.

Hinter Assad hängt eine syrische Fahne, auf der abgebildet Gesichter wohl von den Opfern des Bürgerkriegs sind - mehr als 60 000 sind es inzwischen. Seine Rede wird von Applaus unterbrochen - immer wieder. Aus allen Mündern ertönt - gut einstudiert - der Slogan: „Unser Blut und unsere Seelen opfern wir dir, Baschar.“

„Leere Worte“ eines Diktators ohne ernstzunehmende Angebote, kommentieren Regimegegner den Auftritt. „Der kriminelle Assad bietet nichts anderes an als arrogante Drohungen. Er versteht nicht, dass er nicht in der Position ist, an der Spitze des Übergangs in Syrien zu stehen“, schreibt der syrische Oppositionspolitiker Obeida Nahas im Kurzmitteilungsdienst Twitter.

Der Sprecher der wichtigsten Oppositionsplattform, Walid al-Buni, sieht in der Rede vor allem eine Nachricht an die Verbündeten. Russland und China sollten wissen, dass eine Lösung nur mit Assad möglich sei, interpretiert er die Vorstellung im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Auch das wird am Sonntag erneut klar: Der Machthaber will nicht weichen.

In dem immer blutiger werdenden Konflikt hat es schon mehrmals Spekulationen über einen Abtritt Assads gegeben. Viele haben ihn schon auf dem Weg ins Exil gesehen: Nach Moskau, Venezuela oder gar in die Arme des Erzfeinds Katar. In einem Interview kokettierte der ehemalige Augenarzt damit, irgendwann als Leiter einer Augenklinik in seinen alten Beruf zurückzukehren.

Der Bürgerkrieg in Syrien geht auch an dem Diktator nicht spurlos vorbei. Jüngst beschrieb ihn die Zeitung „Washington Post“ als zunehmend paranoid: Assad lasse nur noch die engsten Vertrauten in seine Nähe und verbringe aus Angst vor einem Attentat jede Nacht in einem anderen Schlafzimmer.

Solche Vorsichtsmaßnahmen hatten die Ex-Diktatoren Muammar al-Gaddafi in Libyen oder Saddam Hussein im Irak nicht vor ihrem späteren Schicksal bewahrt. Es ist erstaunlich, dass sich ein Mann, der das Land eigentlich gar nicht regieren wollte, bis zum letzten Atemzug derart an die Macht klammert. Denn Assad war nur die Notlösung, nachdem sein älterer Bruder bei einem Autounfall starb. Anfangs - im Jahr 2000 - weckte er mit zaghaften Liberalisierungsschritten gar Hoffnungen auf einen politischen Frühling.

Und doch hat er inzwischen viele andere Machthaber überlebt: Den größenwahnsinnigen Muammar al-Gaddafi - selbst ernannter „König der Könige von Afrika“ und mehr als 40 Jahre in Libyen an der Macht; den großen Taktierer Ali Abdallah Salih - der 33 Jahre im Armenhaus Jemen die Fäden zog; oder Pharao Husni Mubarak, der in Ägypten immerhin drei Jahrzehnte herrschte.

Seine Kritiker ziehen inzwischen Vergleiche. Denn in Sprache und Auftreten unterscheidet sich Assad nicht mehr von Gaddafi, Salih oder Mubarak. Er werde in Syrien „leben und sterben“, lautet schließlich die Devise des syrischen Präsidenten. Und davon weicht er nicht ab.

Was das allerdings für Syrien bedeutet, hat UN-Vermittler Lakhdar Brahimi erst kürzlich in einem Schreckensszenario deutlich gemacht: Syrien wird demnach zunehmend zum zersplitterten Land wie Somalia, wo Kriegsfürsten das Sagen haben.

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