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Sicherheitskonferenz: Frau aus Syrien stellt unbequeme Fragen

Uhr | Aktualisiert 03.02.2013 20:10 Uhr
Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, unterhalten sich am 03.02.2013 in München (Bayern) während der 49. Sicherheitskonferenz. (FOTO: DPA) 
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Rund 2000 Menschen haben in München friedlich gegen die Sicherheitskonferenz demonstriert. Bei nass-kaltem Wetter zogen sie am Samstag mit Plakaten, Transparenten, Lautsprechern und Megafon durch die Innenstadt.
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München/MZ. 

Es gibt diese „Münchner Momente“ bei der Sicherheitskonferenz. In diesem Jahr ist es Kholoud Mansour, die für einen solchen historischen Moment sorgt. Eine knappe Stunde hat die junge syrische Wissenschaftlerin im feudalen Ambiente des Bayerischen Hofes jetzt schon die Debatte über den Bürgerkrieg in Syrien auf dem Podium verfolgt. Sie hat den Pessimismus des UN-Unterhändlers Lakhdar Brahimi herausgehört, der fast unverblümt die USA und Russland aufgefordert hat, die Blockade des UN-Sicherheitsrates in dieser Frage endlich aufzulösen: „Syrien zerbricht vor unseren Augen.“

Sie hat Moaz al-Khatib, etatmäßiger Führer der völlig zerfaserten syrischen Opposition, gelauscht, wie er eindringlich um Unterstützung der Aufständischen in Syrien gebeten hat. Und sie hat Kenneth Roth zugehört, dem Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der von der katastrophalen Situation in dem Bürgerkriegsland erzählte.

Bericht macht betroffen

Nun ist der Moment für Kholoud Mansour gekommen. „Ich sehe in dieser Opposition keine Lösung“, sagt die junge Frau, die aus Syrien geflüchtet ist und inzwischen in London studiert. „Mein Volk leidet unter der Brutalität des Regimes und es leidet unter der Brutalität der Aufständischen.“ Wieso schaue die Welt tatenlos zu, während sich vor ihren Augen eine Tragödie abspiele? Warum würden weiter Waffen in das Land geliefert? Weshalb seien die Zustände in den Flüchtlingslagern so katastrophal? „Wir brauchen mehr Action und weniger Konferenzen“, ruft Mansour. Das Podium schaut betroffen. Die versammelte Elite der Sicherheitspolitiker der Welt im Saal schaut betroffen.

Selten ist die Realität dermaßen brutal in die heimelige Atmosphäre des Bayerischen Hofes hereingebrochen. Selten ist der internationalen Staatengemeinschaft die eigene Machtlosigkeit plastischer vor Augen geführt worden. Selten ist die Wirklichkeit härter auf das Selbstverständnis dieser Veranstaltung geprallt als in diesem Moment. Die Welt ist längst nicht mehr so übersichtlich wie in der Gründerphase dieses Treffens, das einst im Kalten Krieg als „Wehrkundetagung“ begann und die transatlantische Freundschaft mit dem bayerischen Fasching verband. Der Kalte Krieg ist passé, die Machtblöcke sind längst Geschichte, selbst die letzte verbliebene Supermacht USA hat massive Finanzprobleme.

Zur 49. Auflage der Konferenz quetschen sich in München nicht mehr nur Amerikaner und Europäer in den engen Saal, sondern auch Russen, Chinesen, Inder, Brasilianer, Vertreter arabischer Staaten und eine wachsende Zahl von Menschenrechtsgruppen.

In 90-Minuten-Portionen diskutieren sie die Auswirkungen der Euro-Krise, das transatlantische Verhältnis, das Atomprogramm des Iran, den Bürgerkrieg in Syrien, den Militäreinsatz in Mali, die möglichen geopolitischen Folgen neuer Erdöl-Fördertechniken und neue Gefahren der Cyber-Kriegsführung. Wie vor einem Jahr. Wie vor zwei Jahren. In den Kaffeepausen und den unzähligen Gesprächen in den verwinkelten Gängen und der Lobby des Konferenzhotels wird munter gerätselt, ob die Worte des knurrigen russischen Außenministers Sergej Lawrow in puncto Syrien eher optimistisch zu verstehen sind oder einen neuen Kalten Krieg heraufbeschwören. Ob Iran tatsächlich an direkten Gesprächen mit Washington über sein Atomprogramm interessiert ist, warum US-Vizepräsident Joe Biden so viel Zeit darauf verwandte, das Verhältnis zu Europa so überschwänglich zu loben und wie wahrscheinlich es ist, dass die USA und Europa in absehbarer Zeit die Vision einer Freihandelszone verwirklichen.

In den oberen Stockwerken des Bayerischen Hotels, zu denen die Berichterstatter keinen Zutritt haben, kommt es derweil zu kurzen bilateralen Gesprächen zwischen einzelnen Delegationen. Der syrische Oppositionsführer darf sich über ein Bild mit Biden freuen, Außenminister Guido Westerwelle (FDP) über einen Händedruck mit seinem iranischen Kollegen Ali Akbar Salehi und Brasiliens Außenamtschef Antonio de Aguiar Patriota über eine wachsende Zahl von westlichen Politikern, die mit seinem Land ins Geschäft kommen wollen. Auch das ist München.

Politik ohne Rezept

Kholoud Mansour steht noch immer am Mikrofon und blickt erwartungsvoll in den Saal. Gerne würde sie eine Antwort erhalten, etwas Hoffnung für Syrien mitnehmen aus München. Eine Perspektive, wie dieser Konflikt zu lösen ist. Doch die versammelte Elite der Sicherheitspolitiker hat kein Rezept, zu verfahren und ausweglos scheint die Situation in Syrien. Nur offen zu sagen, getraut sich das auch niemand. Irgendwann setzt sich die Syrerin wieder auf ihren Stuhl. Desillusioniert.

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