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Rainer Brüderle: Ärger über den «Herrenwitz» aus der FDP

Uhr | Aktualisiert 25.01.2013 14:53 Uhr
Der FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle, hier mit seiner Frau Angelika Adamzik-Brüderle, soll einen Hang zu Anzüglichkeiten und Zoten haben. (FOTO: DPA) 
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Es gibt kein Dementi, Es gibt nur Empörung. Das Magazin "Stern" hat ein Porträt über den gerade frisch gekürten FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle veröffentlicht. "Der Herrenwitz" ist der Text betitelt und die Autorin Laura Himmelreich beschreibt darin Brüderles Hang zu Anzüglichkeiten und schmierigen Witzen.
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Berlin/MZ. 

An einem Abend mit Journalisten vor einem Jahr hat er neben Himmelreich gestanden. Er habe ihr auf den Busen geschaut und gesagt: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen." Er habe auch ihre Hand genommen, diese geküsst und sei ihr zum Abschied sehr nahe gekommen. Himmelreich hat Brüderle danach ein paar Mal auf Terminen beobachtet. Bei einem Besuch in einem Kuhstall hat er den Euter einer Kuh mit den Worten kommentiert: "Der hängt ja ganz schön. Das ist Körbchengröße 90L."

Die FDP regt sich darüber auf. Nicht über Brüderle. Sondern über den Artikel. Parteichef Philipp Rösler - der gerade einem Fast-Putsch-Versuch von Brüderle entgangen ist - äußert sich zwar nicht. Dafür sagt Außenminister Guido Westerwelle, der Text sei "zutiefst unfair". Der schleswig-holsteinischen FDP-Fraktionschefs Wolfgang Kubicki, der selbst wenig knigge-sicher ist, erklärt, es sei seltsam, "dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten".

Ihm schließen sich andere an, etwa der thüringische FDP-Generalsekretär und Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion für den Aufbau Ost, Patrick Kurth. "Das riecht nach Inszenierung statt Recherche", sagte er mit Blick auf den "Stern"-Bericht. Es gebe für die angebliche sexuelle Belästigung keine Belege und keine Zeugen. Kurth fügte hinzu: "Mir ist unverständlich, warum der Stern so einen für die Berufssparte peinlichen Artikel veröffentlicht."

Auch die Vorsitzende der FDP-Frauenorganisation, Doris Buchholz, stimmt in den Chor der Kritiker ein. Und Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn empört sich über "Journalismus unter der Gürtellinie". Die Geschichte sei ein Tabubruch und eine Kampagne gegen Brüderle. Er findet nicht, dass Brüderle selbst ein Tabu gebrochen oder zumindest Grenzen überschritten hat.

Vermutlich liegt das daran, dass Brüderle diese Grenzen in der Vergangenheit schon so oft überschritten hat. Dass man sich an seine zotigen Sprüche gewöhnt hat. Der 67-Jährige kokettiert ja sogar damit. Und er ist nicht der einzige Politiker mit diesem Benehmen. Nicht selten können sie sich auch durch Journalisten bestätigt fühlen, die mitlachen, mitgrinsen oder zumindest nichts sagen.

Wozu sich so etwas auswachsen kann, hat gerade die Spiegel-Online-Journalistin Annett Meiritz beschrieben, die viel über die Piratenpartei berichtet. Über den Online-Dienst Twitter lief bald das Gerücht, sie habe eine Affäre mit einem Piratenpolitiker, um an Informationen zu gelangen.

Der "Stern" hat das Problem, dass es ein wenig so aussieht, als wolle er dem von der Konkurrenz gesetzten Thema hinterherlaufen. Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn versichert, Himmelreich habe seit vergangenem Jahr an der Geschichte gearbeitet und warnt, "junge Journalistinnen sind kein Freiwild". Die Autorin selbst sagte dem Deutschlandfunk, sie habe zeigen wollen, dass der Spitzenkandidat der FDP aus der Zeit gefallen zu sein scheine.

Verteidiger fand Brüderle auch in der SPD. Es sei ein merkwürdiges Berufsverständnis, als Journalistin um Mitternacht an einer Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker führen zu wollen", sagte der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy der "tageszeitung". Es liege auf der Hand, dass dies ein nicht-öffentliches Gespräch gewesen sei. "Wenn die betroffene Journalistin das Geschehen als übergriffig empfunden hat, hätte sie das schon vor einem Jahr öffentlich machen können."

Am Nachmittag scherte die FDP-Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin aus der Riege der Brüderle-Versteher aus. "Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagte sie. "Hier müssen sich grundsätzliche Einstellungen verändern." Allerdings betreffe dies nicht nur die FDP. Brüderle selbst schweigt.

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