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Pegida-Demo an Pogromnacht-Jahrestag: Weniger Pegida-Anhänger unterwegs, Zuwachs bei Gegendemonstranten

Rund 6000 Pegida-Anhänger haben sich am Abend auf dem Theaterplatz in Dresden versammelt.

Rund 6000 Pegida-Anhänger haben sich am Abend auf dem Theaterplatz in Dresden versammelt.

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dpa

Berlin -

Als Lutz Bachmann gegen 18.45 Uhr vor der Dresdner Semperoper ans Rednerpult tritt, sind es 95907 Menschen, die versucht haben, genau das zu verhindern.

„Guten Abend, Patrioten“, begrüßt der Anführer der Pegida-Bewegung die laut dpa etwa 6000 Menschen zählende Menge auf dem Theaterplatz. Es ist ein sehr milder Abend, die üblichen Fahnen werden geschwenkt, Sachsenfahren, die Deutschlandfahne, die gekreuzten schwarz-rot-goldenen Fahnen der Hitler-Attentäter um Graf Stauffenberg - und eine von der IG Metall. Dann die üblichen Hinweise Bachmanns, kein Alkohol, keine Hunde, außer Blindenhunde – und der Riesenapplaus für die Polizei.

Dresdens OB fehlt Handhabe, um Pegida-Demo zu verbieten

95907 Menschen hatten per Onlinepetition versucht, den Auftritt just am 9. November auf dem Theaterplatz, der einmal Adolf-Hitler-Platz hieß, zu verhindern. Doch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sah keine Möglichkeit, die Kundgebung zu verbieten oder wenigstens in einen Außenbezirk abzuschieben. So kam es , wie es kommen musste. „So schwer es mir fällt und so sehr ich die Konsequenzen bedaure: Ich sehe keine Möglichkeit, die Pegida-Demonstration auch an einem 9. November zu versagen oder den Ort an den Stadtrand zu verlegen“, sagte der Oberbürgermeister am Nachmittag.

Es hatte eine Menge Proteste gegen die Kundgebung ausgerechnet am Jahrestag der Reichspogromnacht gegeben, nicht nur die Onlinepetition. Die dahinter steckende Organisatoren - eine Initiative aus Hamburg mit dem Namen „Weil es 2015 ist“ – forderte, der ehemalige „Adolf-Hitler-Platz“ dürfe nicht wieder zur "Kulisse für Menschenverachtung und Rassismus" werden.

„Tag des Schmerzes, der Mahnung, der Erinnerung“

Der Verein „Stolpersteine für Dresden e.V." hatte in einem offenen Brief an Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert ein Pegida-Verbot oder zumindest eine Verlegung gefordert. „Dass heute wieder Menschen verfolgt werden, Opfer menschenfeindlicher Einstellungen werden und in Angst leben müssen, ist unerträglich", heißt es in dem Brief. „Noch unerträglicher allerdings ist, dass ausgerechnet an diesem Tag eine Großdemonstration in Dresden stattfinden soll, die offen Menschenverachtung und Rassismus propagiert.“

Auch das Internationale Auschwitz-Komitee übte scharfe Kritik. „Der 9. November ist in Deutschland ein Tag des Schmerzes, der Mahnung, der Erinnerung“, sagte Vize-Exekutivpräsident Christoph Heubner. Und auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hatte vorsichtig ein gewisses Fingerspitzengefühl bei den Verantwortlichen der Stadt eingefordert.

Aber es nutzte alles nichts. Um 18.45 Uhr steht Pegida-Anführer Bachmann am Mikrofon und teilt der Menge, - es sind deutlich weniger als beim letzten Mal - seine Gedanken zur Bedeutung des 9. November in der deutschen Geschichte mit. Es geht vom Ende des Kaiserreichs bis zum Mauerfall. „Und, Freunde“, natürlich, der 9. November 1938 dürfe nicht vergessen werden. Aber deutsche Geschichte dürfe auch nicht nur auf die zwölf Jahres „dieses Diktators“ reduziert werden, es gebe vieles von Licht bis Schatten.

Bachmann: „Diktaktur mit Merkel an der Spitze“

Bachmann hat offensichtlich eine Menge gegoogelt und ist dabei auch auf einen 9. November vor 48 Jahren gestoßen, als in Hamburg Studenten auf die Straße zogen und gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ protestierten. Danach, so Bachmann hätten die 68er bekanntlich „unendlich viel Leid und Terror“ über Deutschland gebracht.
Am Schluss wird Bundespräsident Joachim Gauck beschimpft, aber das ist nicht neu, das passiert auf jeder Kundgebung. Der „Bundesgauckler“, wie ihn Bachmann jedes Mal verspottet. Der Mann, der es gewagt habe, die Heimatvertriebenen mit den „Invasoren von heute“ zu vergleichen. Und überhaupt die Berliner Regierenden aus CDU und SPD, die es zu verantworten hätten, dass auf deutschem Boden gerade eine Diktatur entstehe. Mit Angela Merkel an der Spitze.

Bachmann spricht nur kurz an diesem Abend, es wird vergleichsweise wenig gehetzt und geschimpft. „Wir sind die Guten“, sagt er. „Packen wir es an.“ Dann schlängelt er sich durch die Menge an die Spitze und der diesmal schweigsame „Spaziergang“ beginnt, während die Gegendemonstranten vom Hauptbahnhof gehend an der Synagoge angekommen sind. Deutlich über 5000 an diesem Abend. Für Dresdner Verhältnisse ist das überraschend viel, damit hatte keiner gerechnet.