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MZ-Serie: Wird das Auto zum Auslaufmodell?

Uhr | Aktualisiert 28.12.2012 13:49 Uhr

Des Deutschen liebstes Kind ist das Auto. Dies galt über Jahrzehnte in Ost wie West. Doch die Liebe hat sich offenbar abgekühlt. Vor allem junge Großstädter besitzen immer seltener ein eigenes Fahrzeug. Wird das Auto zum Auslaufmodell? (FOTOGRAFIK: FORD-PREFECT)

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Rein rechnerisch kommt auf jeden zweiten Deutschen ein Auto. Doch die junge Generation fremdelt mit dem eigenen Fahrzeug. Hohe Kosten schrecken viele ab, Es scheint, als ob das Auto an Bedeutung verliert.
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Halle (Saale)/MZ. 

In den 90er Jahren sah man im Fernsehen öfters folgende Werbung für den Saab 9000: Das Modell des schwedischen Autobauers fuhr durch die skandinavischen Weiten vorbei an klaren Seen und hohen Bergen. Am Ende der Satz: "Saab - auf langen Strecken zu Hause". Zu den beliebtesten Spielen auf Autobahnfahrten gehörte damals noch das Auto-Markenraten. Kinder klebten an den Scheiben, in der Hoffnung ein Mercedes S-Klasse oder eben ein Saab möge bald vorbeirauschen. Heute leuchten auf den Rücksitzen eher die Displays von Smartphones oder Tablet-Computern. Der Nachwuchs kennt die neusten Apps besser als die angesagtesten Fahrzeugmodelle. Und Saab ist pleite.

Trendforscher wie Peter Wippermann sehen darin, wie soll es anders sein, einen Trend: "Handy statt Auto", postuliert der Marketingexperte. Das Auto habe als Statussymbol ausgedient. Wippermanns These ist, dass jüngere Menschen heute nicht mehr so autozentriert sind, wie sie es vor nicht all zu langer Zeit noch waren. Vor allem in den Großstädten verliere das eigene Auto bei den unter 30-Jährigen massiv an Bedeutung. Das Auto ein Auslaufmodell?

Der Grüne Landtagsabgeordnete Christoph Erdmenger hat sich gegen ein eigenes Fahrzeug entschieden. "Und mir fehlt nichts", sagt Erdmenger. Mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt er in Dessau-Roßlau. Zur Arbeit nach Magdeburg fährt der Politiker mit dem Zug. Auf der Fahrt könne er arbeiten und lesen. "Im Auto ist diese Zeit vergeudet." Doch verzichtet Erdmenger nicht gänzlich auf ein Auto. 200 Meter von seiner Wohnung entfernt, befindet sich eine Car-Sharing-Station (zu deutsch Autoteilen), bei der er angemeldet ist. Hier kann er Autos stunden-, tage- oder wochenweise gegen Gebühr ausleihen. Für den Sommerurlaub in Schweden hat er für zwei Wochen ein Auto gemietet. Der Grünen-Politiker erklärt freimütig, dass es in erster Linie nicht ökologische, sondern ökonomische Gründe waren, die ihn zum Verzicht veranlassten.

Diesen Satz hört Michael Creutzer immer öfter. Vor 20 Jahren gründete er in Halle das Car-Sharing-Unternehmen "Teil-Auto". Das Konzept ist einfach: Mehrere Kunden teilen sich die Fahrzeuge. Gezahlt wird nur, wenn es wirklich genutzt wird. "Teil-Auto" ist mit 480 Fahrzeugen und 15 000 Kunden in Mitteldeutschland Marktführer. "Seit einiger Zeit wachsen Umsätze und Kundenzahl jährlich um 20 Prozent", sagt Creutzer. Während in den 90er Jahren viele Interessenten aus der ökologischen Bewegung kamen, spiele heute der wirtschaftliche Aspekt bei Neukunden eine immer größere Rolle. Creutzer: "Wer weniger als 12 000 Kilometer fährt, für den lohnt sich das System."

In Deutschland sind 43 Millionen Fahrzeuge zugelassen. Wie viele sind davon für Car-Sharing im Einsatz? Zwei Millionen? 500 000? Nein, etwas mehr als 7 000, teilt der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit. 0,018 Prozent aller Fahrzeuge. Verständlich, dass die Auto-Manager angesichts dieser Zahlen keine schlaflosen Nächte bekommen. Wird hier ein medialer Hype um fast nichts gemacht? "Nein", meint der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Entwicklungen fangen immer klein an, können aber eine enorme Dynamik entwickeln", sagt der Chef des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen. Er verweist auf zahlreiche Studien, die alle feststellen, dass die Affinität zum Auto bei jungen Menschen abnimmt. Nach Angaben von Uwe Kunert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin fahren die 18- bis 29-Jährigen im Schnitt nur noch 17 Kilometer pro Tag mit dem Auto, vor zehn Jahren waren es noch 28. "Sie wählen öfter als früher das jeweils am besten geeignete Verkehrsmittel statt ausschließlich mit dem Pkw zu fahren", erklärt Kunert. Für Kurzstrecken sei dies etwa das Fahrrad, für Langstrecken Bahn oder Flugzeug.

Wissenschaftler des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (Innoz) untersuchten die Gründe dafür. Als treibende Kraft vermuten sie veränderte Biografien und einen Wertewandel. "Es gibt heute mehr Studierende in Deutschland, die auch später in den Beruf einsteigen", sagt Benno Bock vom Innoz. Diese Gruppe verfüge traditionell über weniger Autos. In ihrem Konsumverhalten seien sie umweltbewusst und an Nachhaltigkeit interessiert. Autoexperte Dudenhöffer verweist eher auf handfeste wirtschaftliche Gründe: Autofahren sei in Deutschland weit weniger erschwinglich als vor 30 Jahren. Seinen Untersuchungen zufolge musste ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland 2007 rund 16 Monate lang seinen gesamten Netto-Lohn zurücklegen, um sich einen Neuwagen zum Durchschnittspreis von etwa 26 000 Euro kaufen zu können. Im Jahr 1980 mussten die Arbeitnehmer - ebenfalls auf Basis damaliger Durchschnittslöhne- und preise - nur neun Monate für das neue Auto arbeiten. Zwar bieten heutige Autos laut Dudenhöffer viel mehr Komfort und Extras - für die Kaufentscheidung sei dies aber nicht entscheidend. Hinzu kämen steigende Benzinpreise. Die Generation "Praktikum" trifft es noch härter. Die Einkommen der unter 30-Jährigen sind in den letzten zehn Jahren gefallen. Da lässt sich vermuten, dass das iPhone zum Statussymbol wird, weil es zum Audi finanziell nicht mehr reicht.

Automann Eckehart Rotter vom VDA warnt allerdings davor, von einzelnen Ergebnissen auf die Gesamtheit zu schließen. "Sicher, ein Single, der in Berlin-Mitte arbeitet und in einem angrenzenden Stadtbezirk in einer Altbauwohnung lebt, verzichtet eher auf das Auto als die Familie, die am Stadtrand ein Haus bewohnt", sagt Rotter. Nach seinen Worten kommen auf 1 000 Einwohner 472 Fahrzeuge - ein sehr hoher Wert. Auch früher konnten sich junge Menschen selten Neuwagen leisten. Das Durchschnittsalter eines Neuwagen-Käufers liege bei 43 Jahren. Das Auto ist für Rotter auch weiter ein Instrument, sich zu differenzieren. "Es ist ein Statement."

Wohin die Reise geht, darüber sind sich die Wissenschaftler noch unsicher. "Es wird interessant zu sehen, ob die junge Generation ihre veränderten Mobilitätsgewohnheiten später beibehält", sagt DIW-Forscher Kunert. Dies sei zu vermuten. Es gebe allerdings viele Entwicklungen wie etwa das Elektro-Auto, die zu neuen Trends führen könnten.

Ein Befund ist aber augenscheinlich: Das Auto, das am Wochenende vor dem Haus geputzt und poliert wird, gibt es immer weniger und die komplizierte Technik erlaubt das Schrauben kaum mehr. Das Auto ist immer mehr Gebrauchsgegenstand.

Alte Liebe rostet doch.