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Mitteldeutsche Zeitung | MZ-Interview mit Gerd Müller: „Geiz ist geil“ ist fatal
25. August 2014
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MZ-Interview mit Gerd Müller: „Geiz ist geil“ ist fatal

Gerd Müller (CSU) steht seit Dezember 2013 an der Spitze des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Gerd Müller (CSU) steht seit Dezember 2013 an der Spitze des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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imago

Während weltweit die Zahl der Flüchtlinge aufgrund von Hunger und Vertreibung neue Rekordwerte erreichen, macht sich Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) auf, den Deutschen eine gerechtere Welt näher zu bringen. Er reist dazu entlang des elften Längengrades durch Deutschland, nächste Station ist am Dienstag die alte Pflanzenzüchter-Stadt Quedlinburg. Mit Müller sprachen die MZ-Redakteure Sibylle Quenett und Hendrik Kranert-Rydzy.

Herr Minister, Sie bereisen das satte und urlaubende Deutschland, um die Not in der Welt zu lindern. Wie passt das zusammen?

Müller: Ich will die Menschen dafür gewinnen, ihren eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Sie sollen darüber nachdenken, wie gut sie leben und wie wir dazu beitragen können, dass die Menschheit in Gänze überlebt und auch kommenden Generationen auf dem Planeten eine Zukunft haben. Vielleicht ist gerade die Urlaubszeit dazu angetan, sich mit den zwei grundsätzlichen Fragen zu beschäftigen: Die Sicherstellung der Ernährung und der Erhalt der Umwelt.

Das klingt dramatisch.

Müller: Die Menschheit hinterlässt einen immer tieferen ökologischen Fußabdruck: Die Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg sind die ersten, die imstande sind, durch ihr Wirken und Tun unsere Mutter Erde an den Rand der Apokalypse zu bringen. Jeden Tag kommen 250 000 Kinder zusätzlich auf die Welt - das sind 80 Millionen im Jahr, die ernährt werden müssen. Es ist ein Skandal, dass eine Milliarde Menschen weltweit hungern oder mangelernährt ist.

Warum haben Sie sich gerade den elften Längengrad ausgesucht?

Müller: Er dokumentiert, dass wir alle in einem Boot sitzen. Wenn wir auf dem elften Längengrad nach Süden reisen, kommen wir in jene Regionen, um die wir uns kümmern müssen. Wir können nicht mehr sagen, was geht uns Afrika an? Gelingt es nicht, das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung einzuhalten, müssen wir im Jahr 2050 mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen, die aus den Hitzeregionen nach Norden ziehen. Wir tragen als Industriestaat erheblich zum Klimawandel bei, Afrika zahlt dafür einen hohen Preis.

Was kann denn der Sachsen-Anhalter tun, damit es den Menschen in der Dritten Welt besser geht?

Müller: Jeder von uns kann nachhaltiger leben, ohne auf Wesentliches zu verzichten. Ich empfinde es etwa als Sünde, dass ein Viertel unserer Lebensmittel im Abfall landet. Ein weiteres Beispiel ist das Thema Kleidung: Wo kaufe ich ein und was trage ich? Wenn ein Fußballtrikot derzeit 50 bis 70 Euro kostet, die Näherin in Bangladesch aber nur 15 Cent bekommt - das ist ein Hunger-, ja ein Sklavenlohn, von dem sie nicht leben kann. Was muten wir eigentlich anderen in anderen Teilen der Welt zu, um gut leben zu können?

Sind Lebensmittel generell zu billig?

Müller: Die Mentalität „Geiz ist geil“ bei Lebensmitteln halte ich für fatal. Die Verbraucher müssen sich darüber klar werden, dass gerade bei Lebensmitteln am Anfang eines Produkts immer ein Mensch, ein Landwirt steht. Das erleben wir etwa bei Kaffee und Kakao. Wir haben ein Bündnis für fairen Anbau, damit dem Kaffeebauern in Kolumbien ein Preis garantiert wird, von dem er und seine Familie leben können. Doch diesem Bündnis sind viel zu wenige Unternehmen beigetreten, obwohl es das Kilo Kaffee nur zehn bis 20 Cent teurer machen würde. Ja, Lebensmittel sind in Deutschland in der Tat unterbewertet. Sie werden verschleudert und als Lockmittel von den Handelskonzernen eingesetzt.

Auf Seite 2 lesen Sie, wie der Entwicklungsminister die Lebensmittelverschwendung eindämmen will und ob Entwicklungshilfe in Zeiten von Krieg noch sinnvoll ist.

Essen wir auch zu viel Fleisch?

Müller: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Kilo Rindfleisch 10.000 bis 15.000 Liter Wasser zur Produktion bindet. Daher sollte es ein besonderes Stück Lebensmittel mit besonderer Wertschätzung sein. Im Landwirtschaftsministerium habe ich mich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass jede Schule einen Schulgarten hat. Damit Kinder wissen, dass Kartoffeln nicht auf Bäumen wachsen. Das Thema Lebensmittelverschwendung rührt auch daher, dass die Menschen kaum noch kochen lernen und die Weiterverarbeitung von Lebensmitteln unbekannt ist. Ich bin daher für Ernährungslehre als Pflichtfach in der Schule.

Sie haben sich für Ihre dritte Station Ihrer Deutschland-Tour das Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg ausgesucht. Warum?

Müller: Das JKI ist einer der Leuchttürme deutscher Agrarforschung und genießt weltweite Anerkennung. Man beschäftigt sich dort in ganzer Breite mit Pflanzenzucht und Resistenzforschung. Das hat für mein Ministerium eine herausgehobene Bedeutung, denn es geht um die Ernährung der Welt. Wir brauchen eine Steigerung der Produktivität in der Agrarwirtschaft von 50 Prozent, um künftig acht bis neun Milliarden Menschen ernähren zu können. Und dazu brauchen wir Pflanzen, die bei höheren Temperaturen und weniger Wasser bessere Erträge bringen. Aus Quedlinburg kann daher die Antwort kommen, die Menschen satt zu machen.

Das JKI war eines der ersten, das in Deutschland an genveränderten Pflanzen geforscht hat. Der Großteil der Verbraucher lehnt das ab. Brauchen wir genetisch veränderte Pflanzen gegen den weltweiten Hunger?

Müller: Wir werden das Problem mit der natürlichen Vielfalt der Nutzpflanzen weltweit lösen können. Es gibt 100.000 Sorten Weizen, davon viele aus trockenen und heißen Gebieten. Gleiches gilt für Kartoffeln. Dieses Wissen muss weltweit dokumentiert und bekanntgemacht werden; die Sorten müssen auch allen Bauern zugänglich sein. Diese dürfen nicht abhängig werden von Patenten und Monopolen. Wir können die Menschen weltweit satt machen, gentechnisch veränderte Pflanzen benötigen wir dazu nicht.

Wir erleben gerade wieder eine Welle von Krieg und Vertreibung. Ist da Entwicklungshilfe überhaupt noch sinnvoll machbar?

Müller: Es ist eine Spirale, an deren Anfang Hunger und Elend stehen. Daraus ergibt sich sehr häufig eine Radikalisierung und eine Anfälligkeit für radikale Strömungen - etwas mit Boko Haram im Südsudan und Nigeria. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen, in dem wir den Menschen eine Lebensperspektive aufzeigen. Der erste Schritt ist eine ausreichende Ernährung. Dann sinkt auch das Potenzial für Terror, Krieg und Auseinandersetzungen, da bin ich mir sicher.

(mz)

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