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Medizin-Student aus Syrien an der Uni Halle: Ein Flüchtling auf dem Bildungsweg

Omar Chilleh

Omar Chilleh vor dem Löwengebäude der Uni Halle

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Andreas Stedtler

Halle (Saale) -

Es ist gar nicht so einfach, sich mit Omar Chilleh zu verabreden. Ein gutes Dutzend Mails und SMS geht hin und her, bis ein Gesprächstermin gefunden ist. „Tut mir leid, ich bin so beschäftigt“, schreibt Omar mehrmals auf Englisch: die Uni, der Deutsch-Kurs, und dann muss er sich auch noch darum kümmern, dass er alle seine Papiere zusammenbekommt.

Omar Chilleh, 26, brauner Wuschelkopf, stammt aus Syrien. Seit zwei Monaten lebt er in Halle, an der dortigen Uni ist er als Gasthörer eingeschrieben. Einer von derzeit 44 jungen Männern und Frauen vorwiegend aus Syrien und dem Iran, die auf diese Weise in ein Studium an einer deutschen Universität einsteigen wollen.

Zwischen den Fronten

In Syrien hat Omar vier Jahre lang Medizin studiert - bis der Krieg ausbrach. Mit seiner Familie lebte er in Harasta, einer Vorstadt von Damaskus, die als Hochburg der Opposition gilt. „Wir gerieten zwischen die Fronten“, erzählt Omar. Die Schulen schlossen, die Uni. An ein geregeltes Leben war nicht mehr zu denken, Harasta wurde zu gefährlich. Omar floh mit seinem jüngeren Bruder nach Ägypten, die Eltern kamen später nach.

Mit seinem Studium, erzählt er, hätte er dort von vorne anfangen müssen. So fasste er irgendwann den Plan, nach Deutschland zu gehen. Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich: 25 Tage Flucht, 2 000 Euro, die er Schleppern zahlte, die ihn und andere in überfüllten Kleintransportern über die Balkanroute brachten. An der österreichisch-deutschen Grenze war er froh, als die Polizei ihn aufgriff. „Es war kalt und nass, ich hatte nur ein T-Shirt und Shorts an.“

Omar ist jetzt am Ziel - und doch noch nicht am Ziel: „Ich möchte so gerne fertig studieren.“ Ob er das in Halle kann, ob seine bisherigen Abschlüsse anerkannt werden oder ob er auch hier von vorne anfangen muss, das ist noch nicht klar. Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums können die Leistungen ausländischer Studenten - egal ob Flüchtling oder nicht - grundsätzlich anerkannt werden; das sei im Hochschulgesetz geregelt, erläutert Ministeriumssprecherin Franziska Krüger.

Knackpunkt dabei ist die Vergleichbarkeit: Angebot, Ausrichtung und Abschlüsse der Heimat- und der deutschen Hochschule müssen in etwa das gleiche Niveau haben. Beispiel: Wer an einer deutschen Fachhochschulen vergleichbaren Einrichtung studiert hat, kann hierzulande nicht so ohne weiteres an eine Universität. Gegebenenfalls müssen noch einige Kurse nachbelegt werden.

Omar aber hat erst einmal ein ganz anderes Problem: Als ersten Schritt einer möglichen Anerkennung muss er Papiere aus Syrien vorlegen - ein mühsamer Prozess. Noch hat er nicht alle Unterlagen zusammen. Doch auch für den Fall, dass der Nachweis lückenhaft bleibt, gibt es laut Krüger eine Lösung. Omar könnte sich dann einer Aufnahmeprüfung, einem so genannten Einstufungstest, unterziehen. „Damit wird der Wissensstand geprüft“, erklärt Krüger. Die Tests liegen in der Regie der jeweiligen Hochschule. Damit hatte Sachsen-Anhalt bereits im Mai als erstes Bundesland den Weg frei gemacht für studierwillige Flüchtlinge, die keine oder nur lückenhafte Papiere vorlegen können.

Freund als Vorbild

Für Omar aber ist es noch längst nicht soweit. Erst muss er Deutsch lernen: Basiskurs A 1, fünf Stunden am Tag, drei Monate. Danach will er weitermachen. Und nebenbei als Gasthörer Vorlesungen besuchen. Aber was heißt Gasthörer? Egal, ob seine Kommilitonen oder die Professoren, „alle behandeln uns wie richtige Studenten“, erzählt er stolz. Vielleicht wird er bald wirklich einer sein. Sein Vorbild ist ein Freund von ihm, der vor zwei Jahren aus Syrien kam. Mittlerweile habe der Freund seinen Master in Pharmazie gemacht, sagt Omar: „Vielleicht muss ich lange warten, aber es ist möglich!“

Immerhin, eine andere Hürde hat er schon genommen: Omar darf bleiben. Seit kurzem ist er anerkannter Flüchtling. Ob er dennoch irgendwann in sein Heimatland zurückkehren wird, wenn die Lage dort es erlaubt? Möglich, sagt er. „Mein Traum ist es, für ,Ärzte ohne Grenzen’ zu arbeiten, egal wo.“ (mz)