Vorlesen

Kriminalität: Verband fordert Extra-Strafrecht für Senioren

Uhr | Aktualisiert 04.02.2013 10:45 Uhr
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BdK( warnt: Schon jetzt seien sechs Prozent der Tatverdächtigen älter als 60 Jahre - Tendenz steigend, 70 Prozent davon seien Ersttäter. (SYMBOLFOTO: DPA) 
Von
Experten wissen es längst, und die MZ berichtete in ihrer Demografieserie erst kürzlich darüber: Dass mit der Überalterung der Gesellschaft auch die Zahl der älteren Kriminellen steigt. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert nun ein eigenes Seniorenstrafrecht.
Drucken per Mail
Berlin/MZ. 

Experten wissen es längst, und die MZ berichtete in ihrer Demografieserie erst kürzlich darüber: Dass mit der Überalterung der Gesellschaft auch die Zahl der älteren Kriminellen steigt. So lag die Gruppe der Täter zwischen 18 und 25 Jahren 1993 bundesweit noch gleichauf mit jenen ab 40 Jahren. Nach 2030 wird die zweite Gruppe doppelt so groß sein. Dies trifft relativ gesehen umso mehr in Ostdeutschland zu, wo sich viele Junge gen Westen aufmachen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BdK) will auf diese Entwicklung nun reagieren. "Kriminalität von älteren Menschen wird kontinuierlich zunehmen und deutliche Auswirkungen auf die Gesellschaft haben", sagte der Verbandsvorsitzende André Schulz der "Hamburger Morgenpost am Sonntag". Schon jetzt seien sechs Prozent der Tatverdächtigen älter als 60 Jahre - Tendenz steigend. "70 Prozent davon sind Ersttäter. Das ist bemerkenswert und ein Indikator für steigende Altersarmut." Manche verstehen sich auf Eigentumsdelikte im Internet, obwohl dies als Domäne der Jungen gilt.

Dem Kriminalhauptkommissar aus Hamburg schwebt augenscheinlich eine Art Seniorenstrafrecht vor, analog zum ebenfalls milderen Jugendstrafrecht. Das allerdings halten Fachleute für Quatsch.

Der CSU-Politiker Thomas Silberhorn, Obmann der Union im Rechtsausschuss des Bundestages, sagte der MZ, man könne die Bestrafung - von Jugendlichen abgesehen - nicht am Alter festmachen. Das Strafrecht biete auch sonst genügend Möglichkeiten, auf die besonderen Lebenslagen von Tatverdächtigen zu reagieren. "Ich dachte erst, das sei eine Sache für den 1. April", erklärte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) zu der Forderung des BdK, wollte es damit indes bewenden lassen.

Auch die Alten selbst können auf Milde, die ja eine besondere Art der Bevormundung wäre, offenbar verzichten. Der Vorsitzende der Senioren-Union in der CDU, Otto Wulff, findet jedenfalls, entscheidend sei die Schuldfähigkeit - und die sei nicht an Lebensjahre gebunden. Der 80-Jährige nennt den Vorstoß des Bundes Deutscher Kriminalbeamter deshalb unumwunden "Stuss". Im Bundesjustizministerium heißt es, das Strafgesetzbuch besage schon heute, dass Richter auf die spezifischen Folgen eines Urteils für den Verurteilten achten müssten, beispielsweise hinsichtlich bestehender oder künftig eintretender Krankheiten. So bedeute eine längere Haftstrafe für einen Älteren notgedrungen etwas anderes als für einen Jüngeren. Zudem gebe es in größeren Gefängnissen längst Abteilungen für Senioren.

Der Chef der Kriminalgewerkschaft will aber nicht nur Milde für Alte, sondern auch Härte für jene Straftäter, die sich an ihnen vergehen. Dabei zieht er eine Parallele zwischen dem Missbrauch junger Menschen und der kriminellen Ausbeutung älterer. Es gebe Gruppen, die sich auf das Ausnehmen von Ruheständlern regelrecht spezialisiert hätten, so Schulz. Die aber gingen aus Scham oft nicht mal zur Polizei.