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John Kerry in Berlin: Das Beste kommt erst noch

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der neue US-Außenminister John Kerry am Dienstag im Bundeskanzleramt in Berlin.

(BILD: dpa)
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John Kerry erzählt in Berlin seine persönliche Geschichte und beschwört die transatlantische Zukunft. Kerry bezeichnet bei seinem Auftritt mit Merkel die Beziehung zu Deutschland als „eine unserer stärksten und dynamischsten Allianzen in der Welt“.
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Berlin/MZ

Von der Sky-Lobby weit oben im Bundeskanzleramt in Berlin hat man einen wunderbaren Blick auf das Reichstagsgebäude und die dazugehörigen Bürohäuser. Noch beeindruckender wird die Aussicht, wenn man sich vor Augen hält, dass dort lange Zeit die Grenze verlief zwischen den beiden Hälften der Stadt, zwischen Ost und West, zwischen den Systemen.

Dienstagachmittag steht der neue US-Außenminister John Kerry in der Sky-Lobby neben Kanzlerin Angela Merkel und sagt, was man bei offiziellen Besuchen halt so sagt. Wie sehr man seine Gesprächspartner schätze und wie sehr man sich freue über den netten Empfang. Und wie schön es sei, wieder in Berlin zu sein.

Letzteres allerdings nimmt man dem 69-Jährigen Kerry tatsächlich ab. Seine Reise nach Berlin ist auch eine Reise in die eigene Vergangenheit: Kerry hat als Kind einige Zeit in West-Berlin verbracht, wo sein Vater, ein Diplomat, Mitte der 1950er Jahre am US-Hochkommissariat tätig war. „Ich erinnere mich noch genau, wie ich direkt hier draußen mit dem Fahrrad am zerstörten Reichstag entlangfuhr“, sagt Kerry. Heimlich radelte der kleine John ehedem auch nach Ost-Berlin hinüber, was seine Eltern in helle Aufregung versetzte. Lang ist’s her. Aber solche Erfahrungen prägen mitunter ein ganzes Leben.

Doch Deutsche und Amerikaner wollen natürlich nicht nur in die Vergangenheit blicken, sondern vor allem nach vorn. Beide Partner haben noch viel vor. Das betonen Merkel und Kerry, und das hat der US-Außenminister wenige Stunden zuvor auch bei seinem Treffen mit dem deutschen Kollegen Guido Westerwelle betont. „Ich messe den transatlantischen Beziehungen eine überaus große Bedeutung zu. Wir haben nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch viele gemeinsame Aufgaben“, sagt die Kanzlerin. Afghanistan, Syrien, der Nahe Osten: Das sind die großen Krisen der Weltpolitik, die Amerikaner und Europäer auf Trab halten.

Kerry bezeichnet bei seinem Auftritt mit Merkel die Beziehung zu Deutschland als „eine unserer stärksten und dynamischsten Allianzen in der Welt“. Er dankt Merkel für eine „exemplarische Führung“. So etwas hört man gerne in Berlin. Anfang Februar erst hatte Kerry das Amt des US-Außenministers von Hillary Clinton übernommen. Er ist der Mann, der in der zweiten Amtszeit von Präsident Barack Obama Amerikas Beziehungen zum Ausland steuern soll.

Derzeit ist Kerry auf Antrittsbesuch in Europa: Erst London, dann Berlin, Paris, Rom und Ankara, später geht's weiter in die arabische Welt. Die deutschen Diplomaten haben mit Genugtuung registriert, dass Kerrys erste große Auslandsreise auf den alten Kontinent führt und Deutschland die zweite Station ist. Das ist eine wichtige Geste. Kerry gilt als überzeugter Transatlantiker. Leute wie er werden langsam rar in Washington. Die USA richten ihren Blick verstärkt über den Pazifik, wo Mächte wie China die Amerikaner herausfordern und wo zugleich die größten Wachstumschancen für die US-Wirtschaft liegen.

Kerrys Botschaft in diesen Tagen an die Europäer lautet, dass das neue Interesse Amerikas an Asien nicht zulasten der transatlantischen Beziehungen gehen wird. Es gibt ja schließlich auch wieder ein großes gemeinsames Projekt: Die geplante transatlantische Freihandelszone, die auf beiden Seiten des Ozeans dringend benötigte Impulse für Handel, Arbeitsplätze und Investitionen setzen soll.

Außenminister Guido Westerwelle sagt, es gebe hier ein „Fenster der Gelegenheit“, um neues Wirtschaftswachstum ohne neue Schulden zu erzeugen. Im Sommer bereits sollen die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union beginnen.