Vorlesen

Joachim Gauck: Theologe mit großer Fangemeinde

Uhr | Aktualisiert 28.06.2010 23:10 Uhr
Drucken per Mail
Joachim Gauck

Der Präsidentschaftskandidat von SPD und Bündnis 90/Die Grünen, Joachim Gauck. (FOTO: DPA)

Von
Er wird im Internet gefeiert wie ein Popstar. Zigtausende haben sich im Netzwerk Facebook als Fans zu erkennen gegeben. Wer mag, kann online T-Shirts, Teddybären und Kaffeetassen mit seinem Konterfei bestellen.
Berlin/MZ. 

Das ist bemerkenswert, weil der Mann 70 Jahre alt ist und nicht Mick Jagger heißt, sondern Joachim Gauck - ein Theologe, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und rot-grüner Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Eine Persönlichkeit mithin, die in jüngeren Jahrgängen sonst als eher "uncool" gelten dürfte. Aber die Umstände sind nicht normal. Als Joachim Gauck am vergangenen Dienstag im Deutschen Theater Berlin eine erste Grundsatzrede als Kandidat hielt, zeigte s>er sich vom Zuspruch im Netz freudig überrascht. Gauck erklärte, in Zeiten der Verunsicherung und Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten könnte es die Sehnsucht nach Authentizität sein, die ihm die Herzen zufliegen ließen: "Ich kann nur hoffen, dass der Wunsch der Menschen nach Glaubwürdigkeit sich erfüllt, ganz egal wie die Wahl ausgeht. Eigentlich sind diese Menschen ein Geschenk für uns alle, für die Politik zuvörderst."

Das war ein "echter Gauck", ein ermutigender Satz, in dem sein Verständnis von Freiheit als Verantwortung anklingt. Den Wunsch nach Freiheit hatte Gauck eigenem Bekunden nach schon als Kind. Sein Vater, Kapitän zur See, wird 1951 aus nichtigem Anlass von der Geheimpolizei verhaftet und nach Sibirien deportiert. 1955 kehrt er heim. Joachim Gauck weigert sich, die "richtigen" Konsequenzen zu ziehen. Er passt sich nicht an. Er weigert sich, in die FDJ einzutreten oder zu den Jungen Pionieren zu gehen - und erhält die Quittung. Zum Studium der Germanistik wird er nicht zugelassen.

Stattdessen studiert Gauck 1958 bis 1965 evangelische Theologie. Die Kirche wird ihm Heimat - auch als Ort jenseits intellektueller Gleichschaltung. Zunächst Pfarrer auf dem Lande, gründet er 1970 eine Gemeinde im Neubaugebiet Rostock-Evershagen. Gauck wird Stadtjugendpfarrer von Rostock, leitet die Kirchentagarbeit in Mecklenburg, nutzt die Freiräume, die ihm die Kirche bietet, zu kritischen Stellungnahmen in Menschenrechts- und Umweltfragen. Seit Mitte der 80er Jahre wird er von der Stasi ausgespäht. 1991, im Jahr nach der Wiedervereinigung, gibt Gauck zu Protokoll, er habe den Sozialismus schon als Neunjähriger als Unrechtssystem empfunden.

Es gibt Menschen, die Gauck - auch solcher Äußerungen wegen - Eitelkeit unterstellen. Richtig ist, dass er sich an eigenen Formulierungen erfreuen kann, wenn sie ihm besonders trefflich erscheinen. "Mir standen auf verschiedenen Etappen meines Lebens Worte zur Verfügung, die Menschen dazu brachten, den eigenen Kräften neu zu vertrauen oder sich von Ängsten zu verabschieden", sagte er jüngst der "s>Zeit".

Und es gibt Menschen wie den Linken-Politiker Dieter Dehm, der Gauck wegen seiner Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde als "Brunnenvergifters> und Hexenjäger" bezeichnet, der eine "sinnliche persönliche Freude" empfinde, "Menschen gegeneinander zu treiben". Gauck, der 1990 die Behörde aufbaute und zehn Jahre ebenso behutsam wie hartnäckig gegen Widerstände leitete, bleibt sachlich: Viele in der Linkspartei hätten "die großen Vorzüge der abendländischen Verfassungs- und Demokratietradition gar nicht verstanden".

Die allermeisten im Lande begreifen Gaucks Botschaft sowieso ganz anders als Herr Dehm. Hundertfach variiert, lautet ihr Kern: Freiheit ist erste Bedingung für menschliches Leben in Würde. Die Gesellschaft muss Freiraum gewährleisten, dazu ermutigen, ihn wahrzunehmen, die Voraussetzungen schaffen, dass er genutzt werden kann. Doch in der Verantwortung des Einzelnen liegt es, die Chancen für sich und die Gemeinschaft umzusetzen. Selbstermächtigung nennt Gauck das. Es ist eines seiner Lieblingswörter.

Als kollektive Selbstermächtigung hat Gauck 1989 das Anschwellen der Proteste gegen das DDR-Regime erlebt, die Verwandlung "von Untertanen in Bürger" als das ihn prägendste Erleben bezeichnet. Seine eigene Selbstermächtigung ließ Gauck aufwühlende Predigten in der Rostocker Marienkirche halten und das Neue Forum mit begründen. Deshalb, aus der Biografie eines sich selbst Ermächtigenden heraus, sagt er, die Bildungschancen eines Kindes dürften nicht von der Herkunft oder sozialen Stellung der Eltern abhängen. Deshalb befindet er, das Sparpaket der Koalition schone die Gutsituierten zu sehr. Deshalb wendet er sich gegen den nur verteilenden Sozialstaat, der die Bürger entmündige. Und gegen Ideologien, die die "unerträgliche Last der Eigenverantwortung" wegdelegierten.

Als "linken liberalen Konservativen" hat Gauck sich verschiedentlich selbst bezeichnet. Und so hat er im Deutschen Theater vor einer Woche gesprochen, fast eine Stunde lang. Am Ende erklomm ein junger Mann die Bühne, der im Namen der Internetgemeinde schon die Begrüßung übernommen hatte: "Wenn irgendjemand nicht gewusst haben sollte, warum er heute hierher gekommen ist, jetzt weiß er es."