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Interview: Stasi-Beauftragter Jahn will den 17. Juni wieder als gesetzlichen Feiertag

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn

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dpa

Berlin/MZ -

Herr Jahn, hat das Kanzleramt schon angerufen?

Jahn: Warum sollte es das?

Weil Sie Frau Merkel geraten haben, sich bestimmte Fragen nach ihrer DDR-Vergangenheit selbst zu stellen, statt zu warten, bis sie öffentlich gestellt werden.

Jahn: Ich will, dass wir eine Diskussion bekommen über Alltag und Anpassung in der Diktatur. Mir geht es um Aufklärung und deshalb um eine Diskussion, die frei ist von Vorwürfen. Es wäre interessant, wenn jeder in seiner eigenen Biografie recherchiert. Aber jeder muss auch selbst wissen, wann und wie er das tut. Es ist wichtig, dass wir ein Klima schaffen, in dem auch Politiker erzählen können, ohne sofort Angst um ihre Position zu haben.

Die Diskussion über Zwangsarbeit für Ikea und Medikamentenversuche in der DDR hat den Fokus auch auf die moralische Verantwortung des Westens gelenkt. Nimmt er sie ausreichend wahr?

Jahn: Westliche Firmen, die mit der DDR Geschäfte gemacht haben, sind herausgefordert, zur Aufklärung beizutragen. Die beiden von Ihnen zitierten Fälle machen deutlich, dass die Aufarbeitung der Diktatur eine gesamtdeutsche Angelegenheit ist. Die Westfirmen müssen sich fragen, ob sie leichtfertig Geschäfte mit der DDR gemacht haben, ohne nachzuprüfen, unter welchen Bedingungen Produkte entstanden und Pharmatests gemacht wurden. Dabei geht es auch um vergleichbare Handelsbeziehungen, die Firmen heute in aller Welt mit Diktaturen unterhalten.

Muss Geschichte hier neu geschrieben werden? Bisher wirkte das immer fein säuberlich getrennt: die bösen Buben im Osten, die Freiheitsliebenden im Westen.

Jahn: Für mich saßen noch nie automatisch im Westen die Guten und im Osten die Bösen. Es gibt im Westen viele, die ihr damaliges Verhältnis zur DDR bis heute nicht aufgearbeitet haben – wie die vielen West-Linken, die die DDR guthießen und sogar Mauer und Schießbefehl verständlich fanden. Auch gab es im Westen mehrere tausend Stasi-Mitarbeiter.

Aktuell erinnern wir an den 17. Juni 1953. Was wissen wir eigentlich 60 Jahre danach, was wir 50 Jahre nach dem Ereignis nicht wussten?

Jahn: Es gibt immer einzelne neue Erkenntnisse z. B. über die Schicksale der mutigen Akteure von damals. Entscheidend ist, dass wir seit dem 50. Jahrestag ein Bewusstsein dafür haben, dass es um einen Volksaufstand ging. Diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt. Wir müssen der nächsten Generation nun vermitteln, was dieser 17. Juni bedeutet.

Wolf Biermann sprach 1976 bei seinem Konzert in Köln, das der Ausbürgerung vorausging, davon, der 17. Juni sei „schon ein demokratischer Arbeiteraufstand und noch eine faschistische Erhebung“ gewesen.

Jahn: Das war falsch. In dem Punkt waren viele der SED-Propaganda erlegen. Auch ich. Als ich 1983 im Westen ankam, bin ich von der damaligen Grünen-Bundestagsfraktion anlässlich des 17. Juni zu einer Gegenveranstaltung zur offiziellen Feierstunde eingeladen worden. Dort habe ich unter dem Beifall von Petra Kelly, Joschka Fischer und Otto Schily genau die Sätze Biermanns wiederholt. Die Bundestags-Fraktion der Grünen hat applaudiert.

Ost und West im Irrtum vereint.

Jahn: Ja, ich bedauere das heute sehr. Aber darum geht es ja: Sich einzugestehen, dass man von der SED-Propaganda beeinflusst war. In Wahrheit sind die Protestierenden 1953 für Freiheit und Selbstbestimmung eingetreten.

Was hat Sie vom Irrtum befreit?

Jahn: Die kontinuierliche Beschäftigung mit dem 17. Juni. Das war ein langer Prozess. Der Westen hat diesen 17. Juni als freien Frühsommertag genutzt. Die Reden von der deutschen Einheit waren mir damals noch fremd. Für mich hat sich das erst entwickelt. Auch in den 90er Jahren ist die Würdigung des 17. Juni viel zu wenig erfolgt. Er wurde als Feiertag abgeschafft. Stattdessen wurde der 3. Oktober zum Feiertag erkoren, ein Tag, an dem ein Vertrag in Kraft getreten ist und kein Tag, an dem die Menschen auf die Straße gegangen sind. So ist der 17. Juni noch weiter in Vergessenheit geraten. Es war ein Fehler, den 17. Juni als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen.

Wollen Sie ihn wieder einführen?

Jahn: Es kann nicht schaden, noch einmal darüber nachzudenken, ob man den 17. Juni als gesetzlichen Feiertag nicht wieder beleben kann. Ich fände einen Feiertag besser, der daran erinnert: Freiheit und Selbstbestimmung sind nicht selbstverständlich. Es sind Bürger, die Gesellschaft verändern.

Sie wurden vor 30 Jahren außer Landes geschafft – weil Sie protestiert haben. Wogegen würde Roland Jahn heute protestieren?

Jahn: Gegen die Verletzung von Menschenrechten. Besonders dann, wenn der Fehler im System liegt und Menschenrechte von Staats wegen verletzt werden.

Nun werden Sie bald so alt sein wie der 17. Juni 1953, nämlich 60. Was bedeutet Ihnen das?

Jahn: Wenn man das Geburtsjahr 1953 mit sich herum trägt, hat man immer einen Bezug zu dem, was damals war. Schon früh wiesen meine Eltern darauf hin, dass es besser sei, sich nicht aufzulehnen. In der unabhängigen Friedensbewegung haben uns Kirchenleute zur Mäßigung aufgerufen: „1953 steckt uns noch in den Knochen. Rennt nicht mit dem Kopf gegen die Wand.“ Der 17. Juni hat einen langen Schatten geworfen. Vieles, was an Angst und Anpassung da war, hat hier seine Wurzeln.

Was rät der schon etwas Ältere den etwas Jüngeren?

Jahn: Wagt den Widerspruch! Und lasst Euch nicht einschüchtern!