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Mitteldeutsche Zeitung | Hass in Clausnitz: Die skurrile Geschichte der Gebrüder Hetze
24. February 2016
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Hass in Clausnitz: Die skurrile Geschichte der Gebrüder Hetze

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Beschmiertes Ortsschild von Clausnitz

Foto:

dpa

Berlin -

Das Wichtigste am Genre der „bitterbösen Gesellschaftssatire“ ist, nicht zu dick aufzutragen. Zum Beispiel bei der Namenswahl für die Akteure: Denkt man sich zum Beispiel ein erschreckendes Stück über die Zustände in Sachsen aus, wo ein hasserfüllter Mob einen ankommenden Flüchtlingsbus blockiert und Frauen und Kinder, die Schutz in Deutschland suchen, mit Geschrei und Gewaltandrohungen zum Weinen bringt, dann darf der Schauplatz ruhig nach dem preußischen Kriegsverherrlicher Clausewitz klingen.

So erinnert man daran, dass Gewalt für manchen „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ist. Man könnte das Sachsen-Städtchen also ruhig Clausnitz nennen.

Heimleiter Hetze wurde versetzt – zu seinem Schutz

Was aber beispielsweise zu weit ginge: Übers Führer-Häuschen des bedrohten Busses in Leuchtbuchstaben das Wort „REISEGENUSS“ zu schreiben. Oder auf die Idee zu kommen, dass der Leiter des bedrohten Heims – der als einer der wenigen die Ankunftszeit des Busses kennt – Mitglied der rechtspopulistischen AfD ist und schon vor Wochen auf anderen Demos öffentlich gegen das „Asylchaos“ wetterte.

Viel zu dick aufgetragen wäre es schließlich, wenn der Mann mit bürgerlichen Namen „Hetze“ hieße.

Im echten Clausnitz ist es aber genauso: Der Bus wurde wirklich belagert, weil die Polizei die Demonstranten nicht wegschickte; der Schriftzug „Reisegenuss“ erscheint automatisch bei Sonderfahrten der Buslinie; und Heimleiter Thomas Hetze, AfD-Mitglied und früherer „Asylchaos stoppen!“-Redner im sächsischen Freiberg, wurde am Montag nach dem Krawall vom Heimbetreiber aus der misslichen Lage entbunden worden, beim verhassten Staat in Lohn und Brot zu stehen und „Asylschmarotzer“ betreuen zu müssen. All das ist nicht erfunden. Auch kein Witz: Der Heimbetreiber, die städtische Betreibergesellschaft GSQ, erklärte, die Versetzung von Thomas Hetze geschehe nicht etwa wegen seiner fehlenden Eignung – sondern allein „zum Schutz seiner Person“.

Demo-Veranstalter Hetze wollte friedlich bleiben

Noch unglaublicher wurde die Geschichte, als kurz nach der Enttarnung von Heimleiter Hetze bekannt wurde, dass ausgerechnet sein Bruder, Karsten Hetze, die fragliche Kundgebung gegen das Asylheim in Clausnitz organisiert hatte. Der Hetze-Bruder hatte das persönlich dem MDR erzählt. Es sei als „ruhige Demonstration“ geplant gewesen, sagte er.

Dass die Situation eskaliert sei, habe man nicht gewollt. Dafür hatte dann die sächsische Polizei, die beim Schutz des Flüchtlingsbusses gerade mit Verve versagt hatte, die satirereife Erklärung parat, dass die Asylsuchenden im Bus die Demonstranten „provoziert“ hatten.

elbst der sarkastischste Autor hätte sich freilich nicht getraut, der Polizei die Ankündigung in den Mund zu legen, man ermittle in der Sache bereits: gegen die Flüchtlinge. In Sachsen aber verkündete die echte Polizei das wirklich.

Auch das noch: Metallbauer Hetze verdient an Flüchtlingen

An diesem Mittwoch nun veröffentlichte Spiegel Online den dritten Teil der Realsatire, die nun endgültig dem Fass die Krone ins Gesicht schlägt: Es gibt einen dritten Bruder in der Familie Hetze. Der steht zwar seinen Brüdern politisch nahe, wie seine Facebook-Seite illustriert.

Das hält ihn aber nicht davon ab, finanziell von der Flüchtlingskrise zu profitieren: Frank Hetze ist Geschäftsführer des Clausnitzer Betriebs „Metallbau Hetze“ – der an seinem Firmensitz, nur wenige Minuten Reisegenuss vom Asylheim entfernt – gerade dabei ist, Metallcontainer so umzurüsten, dass darin Flüchtlinge wohnen können.

Geliefert werden sollen die Behelfsbaracken an eine Leipziger Adresse, unter der ab Ende März eine Erstaufnahmeeinrichtung für 900 Flüchtlinge öffnen soll, betrieben von der Landesdirektion Sachsen und vom sächsischen Roten Kreuz. Das bestreitet „Metallbau Hetze“ gegenüber Spiegel Online auch nicht, wohl aber jede Verbindung „mit den Ereignissen zum Thema Asyl in Clausnitz“, wie man mitteilt. „Wir sind politisch nicht aktiv“, heißt es weiter, und „verabscheuen jede Art von Gewalt“. 

Man darf gespannt sein auf die Fortsetzung der Geschichte um die Gebrüder Hetze. Was, zum Beispiel, hat eigentlich Vater Hetze zu DDR-Zeiten gemacht? Oder Opa Hetze vor 1945? Eins beruhigt immerhin: Was es auch war, mit den Ereignissen zum Thema Asyl in Clausnitz hatte es zumindest nichts zu tun.