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Frankreich: Politiker sind im Fall Depardieu wütend

Uhr | Aktualisiert 17.12.2012 23:16 Uhr

Dieses Haus in dem belgischen Örtchen Nechin wird der neue Wohnsitz des französischen Kinostars Gérard Depardieu. (FOTO: DPA)

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Verlassen die Reichen das sinkende Schiff? Diese bange Frage stellen sich derzeit viele Franzosen, nachdem ihr "Gégé national" die Türe mit lautem Knall zugeschlagen hat. Wie hunderte von Grossverdienern vor ihm ist Gérard Depardieu (63) dieser Tage ins belgische Steuerexil ausgewandert.
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Paris/MZ. 

Seinen Pariser Stadtpalast hat er für 50 Millionen Euro zum Verkauf ausgeschrieben. Jetzt teilt er der Regierung in einem offenen Brief mit, "ich habe genug davon, immer mehr Steuern zu zahlen". Schließlich habe er dem französischen Fiskus zeit seines Lebens 145 Millionen Euro abgeliefert.

Nun wogt die Debatte in Frankreich. Der sozialistische Präsident hat allein für das kommende Jahr Steuererhöhungen von 28 Milliarden Euro vorgenommen. Die Staatsquote aus Steuern und Abgaben steigt auf über 46 Prozent - Rekord für Frankreich und für die EU. Nur so kann die Nation ihr aufwändiges Sozialmodell finanzieren: Die Ausgaben des Staates machen 56 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch diese Zahl wird in keinem anderen EU-Land erreicht.

Am stärksten bittet Hollande die Reichen zur Kasse. Millionäre müssen 75 Prozent ihrer Einkünfte oberhalb einer Million Euro abliefern. Wie viele Steuerflüchtlinge Frankreich verlassen haben, ist unbekannt. 2010 - noch vor den neusten Steuererhöhungen - verließen 717 Vermögenssteuerpflichtige das Land. Neuere offizielle Zahlen gibt es nicht. Ihr Verlust für Frankreich wird auf 50 bis 100 Milliarden Euro geschätzt.

Allein in Belgien wohnen 200.000 Franzosen. Andere Betuchte Rentner lassen sich vorzugsweise in der französischsprachigen Schweiz nieder.

Depardieu ist ein größeres Kaliber: Das lebende Monument des französischen Kinos verkörpert gallische Kultur, Lebensart - und Temperament. Erbost über den Kommentar von Premierminister Jean-Marc Ayrault, sein Exodus sei "erbärmlich", kündigte der Obelix der Republik am Sonntag an, er werde die französische Staatsbürgerschaft niederlegen.

Das heizt die nationale Debatte über das liebe Geld und die Liebe zur Nation zusätzlich an. Vertreter der rotgrünen Regierungskoalition meinen verächtlich, Depardieu zeige seine "Dekadenz"; Hollande will in aller Hast das franko-belgische Steuerabkommen neu verhandeln. Die bürgerliche Rechte eilt Depardieu auch nicht zu Hilfe, obwohl Sarkozy in seiner Zeit als Geschäftsanwalt selber französische Tennisstars an Genfer Privatbanken vermittelt hatte. Vom späteren Präsidenten Sarkozy stammt auch der Spruch: "Entweder liebt man Frankreich, oder man verlässt es." Damit meinte er nicht vermögende Steuerflüchtlinge, sondern gewalttätige Immigrantensöhne aus der Banlieue. Trotzdem zeigte es, welchen Stellenwert die Verbundenheit zur Nation hat: den höchsten.

Zumindest im offiziellen Diskurs. Denn die gleichen Politiker, die mit der Hand auf der Brust die Marseillaise singen und nun über Depardieu den Stab brechen, deponieren ihr Geld im Stillen ebenso gerne in der Schweiz oder in Luxemburg. Wie der Onlineanbieter Mediapart Anfang Dezember mit einem Tonbandmitschnitt belegt, unterhielt sogar der aktuelle Budgetminister Jérôme Cahuzac - zuständig für die Bekämpfung der Steuerflucht - ein undeklariertes Konto bei der UBS. Seltsamerweise leisten ihm auch konservative Politiker Schützenhilfe. Etwa weil sie Angst haben, die aufsässigen Journalisten von Mediapart könnten ihr eigenes Depot bei einer Genfer Bank aufstöbern?

Auf jeden Fall bereiten die meisten Pariser Medien den Mantel des Schweigens über die Cahuzac-Affäre. Denn sie offenbart wie auch der Fall Depardieus die ambivalente Haltung, um nicht zu sagen die Doppelmoral, in der Steuerfrage: Man schimpft in Frankreich zwar öffentlich über das "unpatriotische" Steuerexil der Reichen und Prominenten, tut aber selber alles, um sein eigenes Einkommen vor dem Fiskus zu schützen. Auch Depardieu deklarierte seine Liebe zu Frankreich in dem gleichen Brief, in dem er seinen Landsleuten mitteilte, er habe genug davon, 85 Prozent seines Einkommens dem Fiskus in den Rachen zu schieben. Dafür steht der "nationale Gérard" nun in Frankreich am Pranger. Im Privaten haben die Franzosen derweil volles Verständnis für sein Verhalten. Als Le Figaro am Montag auf seiner Internetseite fragte, ob sie Depardieus Wut verstünden, antworteten von mehr als 100 000 Online-Lesern 81 Prozent mit Ja.

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