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Burschenschaften: Die Rechten und der kleine Rest

Uhr | Aktualisiert 25.11.2012 20:54 Uhr

Burschenschafter beobachten in Stuttgart von der Polizei geschützt die Demonstration gegen den deutschen Burschentag. (FOTO: DPA)

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In Stuttgart hat sich die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) gegründet, sie versteht sich als liberaler Flügel im deutschtümelnden Dachverband.
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Stuttgart/MZ. 

Der Einheimische tritt mit gesenktem Blick auf den Bürgersteig vor der Sängerhalle in Stuttgart. Ein paar Hoffnungen habe man ja doch noch gehabt, sagt er. Der andere ist weit gereist und ihm schwillt auf dem Bürgersteig die Brust - mit jedem Satz mehr.

Der eine ist Michael Schmidt, für ihn hatte dieses Sondertreffen der Deutschen Burschenschaft (DB) ein Heimspiel werden sollen. In Stuttgart hat sich die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) gegründet, sie versteht sich als liberaler Flügel im deutschtümelnden Dachverband. Von Stuttgart aus hatten die darin versammelten zwei Dutzend gemäßigten Bünde den Vormarsch der Rechtsextremen aufhalten wollen. Immerhin, sagt ihr Sprecher Schmidt am Samstagabend, das Treffen habe große Klarheit gebracht. Es gebe zwei grundlegend verschiedene Positionen zum Staat in der Deutschen Burschenschaft, die einen wollten aus der Gesellschaft heraus wirken, „die anderen sehen sich selbst im Kampf mit der Gesellschaft“. Schmidt sagt, man habe sich nicht durchsetzen können, sagt er, das sei offensichtlich.

Der andere ist Walter Tributsch, der Pressereferent der Deutschen Burschenschaft und Mitglied der strammrechten Wiener Burschenschaft Teutonia - er wirkt wie befreit auf dem Bürgersteig. Die Atmosphäre in der Halle sei harmonisch, sagt er, eine Spaltung des Dachverbands sei vom Tisch.

Fast 600 Abgesandte von etwa 100 Burschenschaften waren nach Stuttgart gekommen, um bei dem Sondertreffen jenen Streit im Dachverband beizulegen, der beim traditionellen Burschentag in Eisenach im Frühjahr eskaliert war. Mit großer Mehrheit hatten die Vertreter von etwa 10 000 Burschenschaftern dort ihren Schriftführer Norbert Weidner wiedergewählt, obwohl dieser kurz zuvor den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter und seine Hinrichtung als „rein juristisch“ gerechtfertigt bezeichnet hatte. Dazu hatte es Auseinandersetzung um einen sogenannten „Ariernachweis“ bei der Aufnahme in Burschenschaften gegeben. So hatte die Mannheimer Burschenschaft ein Mitglied aufgenommen – deutscher Staatsbürger, alle Aufnahmekriterien erfüllt, aber Sohn chinesischer Eltern. Den Rechten war er nicht deutsch genug.

Michael Schmidt rechnet nun damit, dass weitere 10 bis 20 Burschenschaften aus dem Dachverband austreten würden. Natürlich sei das „nicht wirklich eine Spaltung“. Mehr ein Rest, der gehe. Schmidt ist frustriert: „Die gemäßigten Burschen haben sich mit keiner Forderung durchsetzen können.“ Eine Mehrheit verhinderte, dass die Deutsche Burschenschaft künftig direkt einzelne Burschenschafter bestrafen kann, die das Ansehen des Verbandes beschädigen. Auch der Versuch, die Mitgliedschaft in verfassungsfeindlichen Organisationen für unvereinbar mit dem Dasein als Burschenschafter zu erklären, scheiterte: Beschlossen wurde ein Kompromiss, nach dem die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Gruppierungen unvereinbar ist. Rechtsextreme wie in der Gießener Burschenschaft Dresdensia-Rugia, die schon vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, müssen demnach keinen Ausschluss fürchten.