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Arzneimittel: West-Pillen wurden in der DDR getestet

Uhr | Aktualisiert 28.12.2012 20:25 Uhr
Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), plädiert für eine differenzierte Aufarbeitung. (ARCHIVFOTO: THOMAS MEINICKE) 
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Im Zuge der Debatte um die Experimente westdeutscher Pharmafirmen in der DDR werden Rufe nach Konsequenzen laut.
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Berlin/MZ. 

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), sagte der MZ: "Das ist empörend. Und das kann auch heute noch Konsequenzen haben - im Sinne von Entschädigung, möglicherweise sogar von strafrechtlicher Verfolgung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fälle, die jetzt Aufregung verursachen, im Einklang mit dem westdeutschen Recht gewesen sind. Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen halte ich für skandalös."

Bergner plädierte gleichwohl für eine differenzierte Aufarbeitung. So seien viele Ärzte in der DDR froh gewesen, wenn sie überhaupt Medikamente bekommen hätten. Auch könne man die westdeutsche Pharmaindustrie nicht über einen Kamm scheren. Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Rainer Wagner, erklärte: "Hier kommt westliche Profitgier zusammen mit kommunistischer Skrupellosigkeit. Die Vorgänge müssen lückenlos aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden."

Der MDR hatte berichtet, westdeutsche Pharmaunternehmen hätten in den 1980er Jahren im großen Stil Tests an offenbar ahnungslosen DDR-Bürgern vorgenommen. Unterlagen des DDR-Gesundheitsministeriums zeigen, dass 50 Unternehmen von 1983 bis 1989 in der DDR insgesamt 165 Studien in Auftrag gaben. Für eine einzelne Studie zahlten die West-Unternehmen umgerechnet bis zu 440 000 Euro. In mindestens sieben Fällen erfuhren die Patienten nichts. In einem Fall wurde einem schwer herzkranken Mann ein Placebo verabreicht. Er starb. Die Witwe behielt die übrigen Pillen.

In der DDR waren Medikamente zuletzt knapp. Im Westen wurden die Zulassungsbedingungen für neue Arzneimittel sukzessive verschärft. Patienten, die an Arzneimittelstudien teilnahmen, mussten über ihre Rechte und die Risiken informiert werden. Dies ließ die Westunternehmen nach Ausweichmöglichkeiten suchen.