Vorlesen

Anschlag in der Türkei: Spur führt zum Linksterrorismus

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 22:25 Uhr

Nach einer Explosion vor der amerikanischen Botschaft in der türkischen Hauptstadt Ankara sichern Polizisten den Tatort ab. (FOTO: DPA)

Von
Terroralarm in der türkischen Hauptstadt Ankara: Bei einem Selbstmordanschlag auf das Gebäude der US-Botschaft in Ankara sind gestern der Attentäter und ein türkischer Sicherheitsmann getötet worden.
Drucken per Mail
Ankara/MZ. 

Mehrere Menschen wurden verletzt, darunter eine türkische Fernsehreporterin, die in der US-Botschaft ein Visum beantragen wollte. Ihr Zustand sei ernst, teilte das Krankenhaus mit.

Der Angreifer zündete den offenbar am Körper verborgenen Sprengsatz im Eingangsbereich des Botschaftsgebäudes an der Sicherheitskontrolle. Der Eingang wurde durch die Explosion verwüstet, das eigentliche Botschaftsgebäude blieb jedoch unbeschädigt.

Während Polizei, Krankenwagen und Feuerwehren zum Tatort rasten, zogen sich die Botschaftsmitarbeiter in sichere Schutzräume zurück. Augenzeugen berichteten von einer gewaltigen Explosion, die kilometerweit zu hören gewesen sei.

Über der Botschaft stieg eine dunkle Rauchsäule in den Himmel über Ankara auf. Die Polizei sperrte das Gelände um die Botschaft am Atatürk-Boulevard weiträumig ab. Hier befinden sich mehrere ausländische Vertretungen, darunter auch die deutsche Botschaft. Ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Diplomatenviertel. Experten der Anti-Terror-Einheit der türkischen Polizei suchten am Tatort nach Spuren. Innenminister Muammer Güler, Außenstaatssekretär Feridun Sinirlioglu und der Gouverneur von Ankara, Alaaddin Yüksel, begaben sich zur US-Botschaft. Ministerpräsident Tayyip Erdogan werde laufend informiert, hieß es in Ankara.

Über die Identität des Attentäters und sein Motiv gab es zunächst nur Spekulationen. Es soll sich um einen Mann gehandelt haben, wahrscheinlich einen Türken.

Unter Berufung auf Innenminister Güler berichteten türkische Sender, bei dem Täter handele es sich um einen 30-jährigen Mann, der einer linksextremistischen Organisation angehört habe. Tatsächlich weckt der Anschlag Erinnerungen an ein Selbstmordattentat auf eine Polizeistation im Istanbuler Stadtteil Sultangazi am 11. September 2012. Damals kamen ebenfalls der Attentäter und ein Polizist ums Leben. Der Angreifer wurde später als Mitglied der linksradikalen „Revolutionären Volksbefreiungsfront“ (DHKP/C) identifiziert. Die Gruppe verübte seit den 70er Jahren zahlreiche Terroranschläge. Die türkische Polizei hatte in den vergangenen Wochen Dutzende Verdächtige, darunter mehrere Anwälte, wegen mutmaßlicher Verbindungen zu der Organisation festgenommen.

In ersten Medienberichten wurde aber auch über eine mögliche Verbindung zu Al Qaida spekuliert. In ihrer gestrigen Ausgabe hatte die Zeitung „Milliyet“ von der angeblichen Festnahme eines Schwiegersohns des getöteten Al Qaida-Führers Osama bin Laden berichtet. Der Mann, dessen Namen die Zeitung mit Süleyman D. angibt, soll mit einem gefälschten saudi-arabischen Pass in die Türkei eingereist sein. Seine Festnahme in einem Hotel im Ankaraner Prominentenviertel Cankaya sei auf einen Tipp US-amerikanischer Dienste hin erfolgt, schreibt „Milliyet“.

Die USA sollen seine Auslieferung beantragt haben, was die Türkei aber bisher ablehne. Verbindungen zu Al Qaida hatten auch die Urheber der Terrorserie, bei der im November 2003 in Istanbul 67 Menschen starben und 700 verletzt wurden. Die Attentäter zündeten am 15. und 20. November Autobomben vor zwei Synagogen, der türkischen Hauptverwaltung der Großbank HSBC und dem britischen Generalkonsulat.