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Kommentar zu sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof: Das Herunterspielen der Fakten ist falsch und gefährlich

Am Kölner Hauptbahnhof hat es in der Silvesternacht etliche sexuelle Übergriffe gegeben.

Am Kölner Hauptbahnhof hat es in der Silvesternacht etliche sexuelle Übergriffe gegeben.

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dpa

Sie grapschten Frauen an die Brüste und zwischen die Beine, raubten sie aus, kesselten sie ein und bedrängten sie. Aggressive Männer, rund tausend wurden am Tatort gezählt, sollen in der Silvesternacht am Kölner Bahnhofsvorplatz dutzende Frauen sexuell genötigt haben. Die Dimension ist auch fünf Tage nach dem Vorfall kaum absehbar, schwer vorstellbar. Inzwischen liegen der Polizei 90 Anzeigen vor. Jeden Tag müssen die Zahlen nach oben korrigiert werden: Mehr Täter, mehr Opfer. Inzwischen liegt auch eine Anzeige wegen Vergewaltigung vor, eine Beamtin berichtet, man habe ihr in die Hose gegriffen, andere Opfer erzählen von heruntergerissenen Slips, von „Fingern in allen Körperöffnungen“.

Debatte ragt in die Politik hinein

Diese Taten sind mehr als brisant für dieses Land, aus vielerlei Sicht. Laut Augenzeugenberichten waren die angreifenden Männer nordafrikanischer und arabischer Abstammung. Und damit werfen diese Verbrechen nicht allein strafrechtliche, moralische und auch feministische Fragen auf.

Die Debatte über das, was in Köln geschah, ist längst eine politische geworden, eine Debatte auch über die Flüchtlingsfrage, über unsere Werte und Gesetze. Jeder, der sich berufen fühlt, kann diese Verbrechen an Frauen für seine politische Meinung instrumentalisieren. Und es fühlen sich viele berufen. Doch treten wir noch einmal einen Schritt zurück.

Ein sexueller Übergriff gehört zu den schlimmsten Erlebnissen, die einer Frau widerfahren kann. Im Grundgesetz steht, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, und dass der Staat diese Würde zu schützen hat. Warum hat der Staat das in Köln nicht geschafft?

Polizei war restlos überfordert

Augenzeugen berichten von einer überforderten Polizei, die die chaotische Lage nicht mehr im Griff gehabt habe. Wie aber kann es sein, dass an Silvester in einer deutschen Großstadt auf einem der öffentlichsten Plätze ein rechtsfreier Raum entsteht, wo die Polizei gefährdete Menschen sich selbst überlässt - während zur gleichen Zeit in Bayern wegen der Terrorgefahr 550 Beamte in kürzester Zeit bereitstanden, um die Münchner Bevölkerung zu schützen?

Die Polizei hat hier versagt. Und wieso nimmt die Debatte über diesen unfassbaren Vorfall erst jetzt an Fahrt auf – knapp eine Woche nach dem Ereignis? War das Thema zu klein? Oder wurde es kleingehalten?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Meldung zunächst wohl so klein gehalten wurde und weshalb das nicht richtig ist.

Die Situation war vor rund einer Woche noch unübersichtlich, die Zahlen kaum greifbar. Erst im Laufe der letzten Tage meldeten sich immer mehr Frauen bei der Polizei, ermutigt durch die zahlreichen anderen Opfer, die von ihrem schlimmen Erfahrungen in Köln berichteten.

Ein Aufschrei blieb lange aus. Der Hashtag „Aufschrei“, initiiert von der Feministin Anne Wizorek im Jahr 2013, hat erst seit Kurzem bei Twitter wieder Konjunktur. Auch die Politik äußerte sich erst am Dienstag wirklich vernehmbar. „Feige und abscheulich“, nannte die Übergriffe Justizminister Heiko Maas (SPD). „Frauen sind kein Freiwild“, schrieb dazu Familienministerin Manuela Schwesig (SPD).

Öl ins Feuer der Rassisten

Manche glauben nun, dass die Geschichte erst deshalb so spät so deutlich geschildert wurde, weil die mutmaßlichen Täter aus Nordafrika oder arabischen Staaten stammen sollen. Denn sicher: diese Feststellung ist Öl im Feuer der Rassisten. Sie ist dazu geeignet, den sozialen Frieden in einem Land zu gefährden, das sich den Herausforderungen der Flüchtlingskrise stellt. Sie bedient die Ressentiments derjenigen, die alle Flüchtlinge und Ausländer unter Generalverdacht stellen. Sie bedient die Klischees der rechtspopulistischen AfD, der rassistischen NPD, der Pegida-Fantasten, der Asyl-Gegner. Kann schon sein, dass manche die Kölner Geschichte nicht so gerne publik machen wollten, weil sie wussten, wie sehr sich die Rechten nach solchen Meldungen sehnen.

Petry provoziert - das darf keine Rolle spielen

Denn das erlebt man ja seit Monaten. Straftaten werden mit der Flüchtlingsfrage vermengt, Ängste werden geschürt, in dem behauptet wird, dass Asylsuchende Frauen vergewaltigen, dass sie kriminell und Sozialschmarotzer seien. „Ist Ihnen nach der Welle an Straftaten und sexuellen Übergriffen Deutschland nun ‚bunt und weltoffen’ genug, Frau Merkel?“, fragt Afd-Frau Frauke Petry auch sogleich auf ihrer Facebook-Seite.

Vielleicht wurde das Thema tatsächlich nicht so publik gemacht, weil viele sich vor solch einfachen Reaktionen fürchteten. Vielleicht hatte auch die Kölner Polizei, die in den ersten Meldungen über die Silvesternacht kaum Aufhebens um die Vorfälle machte, solche Gedanken. Doch das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

Die Sache aus politischen Gründen herunterzuspielen, ist falsch, weil es die grauenhaften Erlebnisse der Opfer verhöhnt. Und es ist gefährlich, weil nicht durch das Herunterspielen solcher Nachrichten Rassisten der Wind aus den Segeln genommen wird - sondern nur durch die größtmögliche Transparenz im Umgang mit solchen Ereignissen. Denn eins ist vor allem wichtig: In einem Rechtstaat ist es gleichgültig, woher die Täter stammen. Ob aus Nordafrika, den arabischen Staaten oder Köln-Deutz. Sie gehören bestraft.

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