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Kommentar zur „Charlie Hebdo“-Karrikatur: Wer wird bloßgestellt? Wir!

Der erwachsene Flüchtlingsjunge Alan jagt schreiende Frauen.

Der erwachsene Flüchtlingsjunge Alan jagt schreiende Frauen.

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Was darf Satire? „Alles.“ Die berühmte Antwort des großen Satirikers Kurt Tucholsky stammt aus dem Jahr 1919. Ist sie heute noch aktuell?

Ja, aber...

Selbstverständlich gilt die Meinungsfreiheit. Sie zählt zu den Grundrechten, von denen nicht nur konservative Zeitgenossen fordern, dass Menschen, die aus Elend und Unterdrückung zu uns fliehen, sie anerkennen, am besten: persönlich unterzeichnen. Satiriker zu sein, konnte schon zu Tucholskys Lebens- und Sterbezeiten (lebens)gefährlich werden, nicht erst seit dem verheerenden Anschlag auf „Charlie Hebdo“.

Bekannt geworden durch ihre bissige Kritik am Islam und seinen fundamentalistischen Auswüchsen hat die französische Zeitschrift nun nachlegt. In einer Karikatur zeigt Laurent Sourisseau, der das Attentat verletzt überlebt hat, die „Grabscher von Köln“ und legt den Gedanken nahe, dass so einer auch der ertrunkene syrische Flüchtlingsjunge Aylan Kurdi hätte werden können, dessen Bild die Welt im vorigen Jahr bewegt hat.

Darf Satire das?

Ja, auch das. Aber muss sie es, sollte sie es tun?

Als Kurt Tucholsky seine berühmte Antwort gab, ging es um die Auseinandersetzung mit den Mächtigen, den Herrschenden. Das können Politiker sein, Industrielle oder eben auch Religionsgemeinschaften (nicht nur der Islam). Die bloßzustellen, ist die vornehmste Aufgabe von Satire. Aber was ist an einem wehrlosen toten Kind bloßzustellen?

Vielleicht lohnt ein zweiter Blick auf die Zeichnung. Womöglich geht es darin nicht um das Kind und was aus ihm hätte werden können – sondern um uns.

Erst idealisieren wir an seinem tragischen Beispiel die Flüchtlinge. Dann verteufeln wir sie alle als Grabscher. Dann hätte der Satiriker keine bösen Mächte demaskiert, sondern uns westeuropäische Betrachter. Und eine Haltung, die oft gut gemeint ist, aber nicht immer frei ist von Widersprüchen und manchmal auch nicht frei von Heuchelei.

Einer Gesellschaft auf diese Weise respekt- und erbarmungslos den Spiegel vorzuhalten – das darf Satire nicht nur, sie muss es tun. Um unserer Freiheit Willen. Und unserer Verantwortung.