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Israel-Besuch: „Deutsche sollen mit Schuldgefühl kommen“

Merkel Israel

Bundeskanzlerin Merkel bei einem früheren Besuch in Israel mit Premierminister Netanjahu.

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ap/dpa

Köln -

Iris Hefets (48), Psychotherapeutin, verließ Israel vor elf Jahren, lebt in Berlin und ist im Vorstand der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost". Die Organisation setzt sich für eine Aussöhnung von Israel und Palästinensern ein.

Frau Hefets, Bundeskanzlerin Merkel reist zu Regierungskonsultationen nach Israel. Was ist zu erwarten?


IRIS HEFETS: Ich befürchte, nicht viel. Auch wenn Frau Merkel mit der großen Entourage von 16 Ministern und Staatssekretären anreist - dieser Besuch wird in den üblichen Ritualen ablaufen.


Warum dann dieser Aufwand?


HEFETS: Damit die Entschuldigung für den Eklat in der Knesset mit EU-Parlamentspräsident Schulz auch richtig ankommt ...


... Moment, wofür soll sich Angela Merkel denn entschuldigen?


HEFETS: Martin Schulz ist bei seiner Rede, in der er die ungleiche Wasserverteilung zwischen Israelis und Palästinensern angesprochen hat, zwar nicht als Deutscher, sondern als Europäer aufgetreten. Aber er hat Deutsch gesprochen. Und auf Deutsch darf man eben in Israel bestimmte Sachen nicht sagen. Wenn man es dennoch tut, ist es eine Steilvorlage für manche israelischen Politiker.


Hat hier ein Deutscher überzogen, ist Israel in seiner besonderen Lage Unrecht geschehen?


HEFETS: Wenn Martin Schulz aus Finnland käme, hätte es die Aufregung gar nicht gegeben. Die Wahrheit ist: Es gibt Häuser in den besetzten Gebieten einschließlich Gaza, die haben kein Wasser. Und Gaza ist abgeriegelt. Das Problem beim Zwischenfall in der Knesset war schlicht, dass es auf Deutsch passierte. Israelis erwarten etwas anderes von Deutschen. Das ist das, was ich am Anfang mit Ritual meinte: Die Deutschen sollen mit einem Schuldgefühl kommen, sie haben etwas wiedergutzumachen.


Gibt es keine deutsch-israelische Normalität?


HEFETS: Das Verbrechen der Deutschen an den Juden lässt keine Normalität zu. Ich glaube daher, dass es zwischen Deutschen und Israelis keinen richtigen Politikbetrieb gibt, das ist mehr eine Identitätssuche. Israel ist immer noch Projektionsfläche für die übergroße Schuld der Deutschen.


Merkel hatte die Verteidigung Israels zur "Staatsräson" erklärt. Wie verstehen Sie diese Äußerung?


HEFETS: Wortakrobatik, die psychologisch in das genannte Schema passt. Das deutsche Grundgefühl gegenüber Israel ist eben das Schuldgefühl. Und Verteidigung als Staatsräson - irgendwie ist das ja auch eine Art Einverleibung Israels. Als ob wir noch in Europa wären. Wir sind aber nicht in Europa. Die Juden wurden aus Europa verstoßen, und diese Einverleibung bedeutet das Gegenteil von Trauer und Verarbeitung des Genozids, dahinter steckt der Wunsch zum Ungeschehenmachen.


Viele sehen Israel auf dem Weg in einen Staat, in dem ultraorthodoxe und ultranationalistische Kräfte an Einfluss gewinnen. Stimmt das?


HEFETS: Die Ultraorthodoxen, die traditionell als Sündenböcke herhalten müssen, haben wenig Einfluss. Das Hauptproblem ist die Kombination zwischen Judentum und Nationalismus. Die Mehrheit der Israelis denkt nationalistisch. Das Judentum war bis vor etwa 200 Jahren nur eine Religion, ein Volk, nichts Nationales. Das hat sich durch die zionistische Ideologie geändert, mittlerweile wird das Jüdische in Israel fast als etwas rein Nationales ausgelebt. In meinem Ausweis steht: Nationalität jüdisch. Somit werden Araber und Juden auseinandergehalten, obwohl manche, wie ich, beides sind.


Wie stark prägen nackte Existenzangst in Israel oder Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen?


HEFETS: Natürlich kann ich diese Angst nachvollziehen. Aber über die Ursache dieser Angst wird nicht gesprochen, sie wird als eine Naturgegebenheit hingenommen. Die bedrohliche Situation durch das Leben im feindseligen Nahen Osten wird rassistisch erklärt in der Art: "Sie hassen uns, weil sie Araber und weil wir Juden sind." "Die Araber" werden als Nazi-Nachfahren konzipiert, wie einer der Minister, der während der Schulz-Rede rausging, sagte. Aber: Israel hat auch Feinde, weil sich Israel so verhält, wie es sich verhält. Darüber hinaus hat die Angst, hat der Ausnahmezustand einigen durchaus in die Karten gespielt: Vieles wurde im Schatten der Kriegsdrohungen privatisiert.


Israel ist wegen der Siedlungen in der Kritik, es wird wirtschaftlich boykottiert. Zeigt das Wirkung?


HEFETS: Ja, denn Israel ist auf den europäischen Markt angewiesen. So hat sich zum Beispiel die Deutsche Bahn aus einem Projekt zurückgezogen, weil die Gleise für eine Schnellbahnstrecke auch durchs Westjordanland führen sollten. Und die Regierung hat ein Gesetz erlassen, das Boykott-Aufrufe gegen israelische Waren oder Institutionen unter Strafe stellt.


Dauert der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern schon zu lange, um eine Aussöhnung zu schaffen?


HEFETS: Ich bin da nicht so optimistisch. In Israel und in Palästina leben mittlerweile Generationen, die einander hassen und den anderen durch die koloniale Brillen sehen. In der palästinensischen Gesellschaft gab es durchaus Beziehungen zu jüdischen Israelis, sie haben bei Israelis gearbeitet, sie haben Hebräisch gelernt - und wenn es im Gefängnis war. Heute gibt es kaum Kontakte. Auf israelischer Seite sehe ich auch keine Motivation, diese Lage zu ändern. Frühere palästinensische Arbeiter wurden durch Gastarbeiter aus Thailand ersetzt. Und so schlimm sich das anhört: Solange die Israelis unter ihrer Palästinenserpolitik nicht leiden und die Elite in Israel sogar davon profitiert, werden sie sie nicht ändern. Deshalb bin auch ich für einen Boykott.