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«Gorch Fock»: Die segelnde Legende

Uhr | Aktualisiert 19.11.2010 19:33 Uhr
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«Gorch Fock»

Die Offiziers-Ausbildung auf dem traditionsreichen Segelschulschiff «Gorch Fock» wird bis zum September 2011 ausgesetzt. (FOTO: DPA/ARCHIV)

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Nach einem tragischen Todesfall stellt die "Gorch Fock" vorerst die Ausbildung von Offiziersanwärtern ein. Das aber löst politische Debatten aus.
BERLIN/MZ. 

Wer in diesen Tagen die Internetseite der "Gorch Fock" besucht, der findet dort das Foto einer Frau mit dunkler Seemanns-Uniform und Krawatte. Blond ist sie und hübsch und jung, 25 Jahre jung. Ihr Name hat einen fürwahr wunderbaren Klang. Die junge Frau heißt: Sarah Lena Seele. Das heißt: Sie hieß. Denn dass das Foto zu sehen ist, hat einen Grund. Sarah Lena Seele ist tot.

Die Offiziersanwärterin aus Bodenwerder in Niedersachsen fiel am 7. November - angeblich schreiend - aus der Takelage des Segelschulschiffes auf die Planken und starb später im Krankenhaus der brasilianischen Stadt Salvador de Bahía. Auf derselben "Gorch Fock"-Homepage finden sich auch Einträge der Angehörigen von Manfred Baudrexl, der vor achteinhalb Jahren auf ähnliche Weise umkam, und künden von den "schweren Zeiten", die der Mutter Sarah Lena Seeles nun bevorstehen.

Der Vorfall könnte nicht allein für sie zur Zäsur werden. Die "Gorch Fock" - da besteht kein Zweifel - ist eine Legende. Sie erinnert an den niederdeutschen Dichter gleichen Namens, der in Wahrheit Johann Kinau hieß. Jedem erwachsenen Deutschen steht bei Nennung des Namens sofort dieses stolze Schiff aus Holz und Stahl vor Augen, dessen Vorgängerschiff im Mai 1945 sank, und das seit 1958 an 343 von 365 Tagen auf den Weltmeeren unterwegs ist, um Offiziers- und Unteroffiziersanwärter auszubilden. Die Bark zeigt für Deutschland Flagge - weltweit. Wenn man sich zur "Gorch Fock" ein Lied hinzu denken müsste, dann wäre es wohl Freddy Quinns: "Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus!" Oder es wäre Hans Albers:’ "Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise." Das Schiff kommt aus einer anderen Zeit. Aus der Heidi-Kabel-Zeit.

Die "Gorch Fock" ist aber auch ein Ort der Anstrengung, der Gefahr und manchmal des Todes. Die Matrosen schlafen in Hängematten. Der Drill an Bord ist militärisch streng. Der Einzelne zählt nicht so viel, die Mannschaft ist alles. Man nennt dies, wenn es gut läuft, Kameradschaft. "Daran muss man sich gewöhnen", sagen die Soldaten. Im Übrigen sind die Masten, an denen die Segel hängen, bis zu 45 Meter hoch - Masten, an denen die Offiziersanwärter empor klettern müssen. Zwar behauptet Bundeswehr-TV, also das offizielle Armee-Fernsehen: "Unfälle sind selten." Doch immerhin sind in den letzten zwölf Jahren sechs Kameraden umgekommen. Erst 2008 ging die 18-jährige Kadettin Jenny Böken über Bord. Ihre Mutter gründete daraufhin eine Stiftung - die Jenny-Böken-Stiftung.

Die Marine jedenfalls hat sich nun entschlossen, die noch auf dem Schiff befindlichen Soldaten heimzufliegen, die Ausbildung an Bord fürs Erste abzubrechen und frühestens im September 2011 wieder aufzunehmen. Dies macht den tragischen Tod von Sarah Lena Seele, dessen nähere Umstände nicht geklärt sind, zum Politikum. Zwar hat die von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eingerichtete Strukturkommission die "Gorch Fock" erst unlängst als "Zeichen der Identität" gepriesen. Alle Marine-Soldaten kennen sie. Die "Gorch Fock" ist für die kleine Teilstreitkraft wahrhaft gemeinschaftsbildend. Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels erklärt: "Wenn der tragische Vorfall zum Anlass genommen werden sollte, mal eben die Gorch Fock einzusparen, dann wäre das die falsche Konsequenz." Denn sie sei "nicht nur ein traditionelles Aushängeschild der Marine wie überhaupt ganz Deutschlands", so Bartels. "Sie steht auch für den Anspruch einer umfassenden Ausbildung, die über das hinausgeht, was man an Bord technisierter Schiffe braucht." Die dort erworbenen Kenntnisse könnten wichtig werden, wenn es auf technisierten Schiffen mal Probleme gebe. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, der wie die "Gorch Fock" in Kiel zu Hause ist, fürchtet "das Spardiktat des Herrn Guttenberg".

Wohl nicht zu Unrecht. Die Marine fürchtet es sicher auch. Wohl herrschen Trauer und Entsetzen über das Schicksal Sarah Lena Seeles - online und auf See. Doch im "Gorch Fock"-Lied singen sie: "Und müssen wir einestag's von dannen zieh'n und ist die Fahrenszeit vorbei, der Wunsch bleibt immer in den Herzen drin: ,Ich wäre ja so gerne noch dabei!‘"

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