Vorlesen

US-Waffenlobby: «Gute Typen mit Kanonen» sollen Schulen schützen

Uhr | Aktualisiert 16.01.2013 22:43 Uhr
Halbautomatische Gewehre in einem US-amerikanischen Waffenladen. (FOTO: DPA) 
Von
Die US-Waffenlobby tritt nach dem Amoklauf an einer Grundschule mit 27 Toten für einen bewaffneten Schutz von Schulen ein. Bewaffnete Polizisten und bewaffnete Wächter sollten in jeder Schule in den USA Dienst tun, forderte der Vizechef der mächtigen National Rifle Association NRA, Wayne LaPierre.
Drucken per Mail
Washington/dpa. 

Lange hat Washington kein derart bizarres Medienereignis mehr erlebt. Für ihren Auftritt am Freitag hatte sich die Waffenlobby das vornehme „Willard Hotel“ ausgewählt, gleich gegenüber dem Weißen Haus - die National Rifle Association NRA setzte ganz auf Gediegenheit und Seriosität. Was dann ihr Vizechef Wayne LaPierre von sich gab, raubte manchem Zuschauer den Atem. Eine Woche nach dem Schulmassaker mit 27 Toten zeigte die mächtige Organisation nicht einen Hauch von Nachgiebigkeit. Wird die NRA erneut alle Bemühungen für schärfere Waffengesetze zunichtemachen?

Selten war ein Medienereignis in der US-Hauptstadt mit so viel Spannung erwartet worden. Erst vor wenigen Tagen hatte die NRA mit einer überraschenden Erklärung Hoffnungen genährt. Sie wolle mit „sinnvollen Beiträgen“ helfen, dass sich ein Blutbad wie in Newtown nicht wiederholt. Millionen Amerikaner fragten sich: Haben die Waffen-Lobbyisten Kreide gefressen, unterstützten sie gar den Ruf nach strengeren Waffengesetzen?

Doch die Lobby bewegte sich um keinen Millimeter. Im Gegenteil: Selbstbewusst und ohne einen Hauch von Selbstzweifel trug LaPierre die längst bekannten Parolen vor. Tenor: Mehr Waffen, weniger Kriminalität. Jeder Amerikaner müsse sich selbst mit der Waffe schützen können.

Im Grunde ist es die uralte Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, die LaPierre predigt. Er fasste das in einem Satz zusammen: „Der einzige Weg, einen schlechten Typen mit einer Kanone zu stoppen, ist ein guter Typ mit einer Kanone.“ An Schulen müssten eben bewaffnete Polizisten und Wächter für Ordnung sorgen - für viele Eltern in den USA ist das ein Alptraum.

Tatsächlich sind in den USA schon des öfteren Anläufe, die laxen Waffengesetze zu verschärfen, im Sande verlaufen - nicht zuletzt, weil die NRA ihre Muskeln spielen ließ. Doch diesmal sei alles anders, meinen Kommentatoren. US-Medien spekulieren bereits, dass sich einzelne Abgeordnete und Senatoren von der Lobby abwenden, von deren Unterstützung sie jahrelang profitiert hätten.

Zudem gibt sich Barack Obama diesmal fest entschlossen. Die „Washington Post“ spricht von einem „bevorstehenden Showdown über Waffengesetze“. Gleichzeitig warnt das Blatt: „Dennoch bleibt die NRA eine der in Washington am meisten gefürchteten Lobbys.“ Der Jahresetat der Organisation betrage 200 Millionen Dollar (153 Millionen Euro). Millionen Menschen würden von der NRA beeinflusst.

Obama vermeidet denn auch tunlichst den Fehler, die NRA zu unterschätzen. Unmissverständlich stellte er klar, dass der Second Amendment, der Zweite Verfassungszusatz, der das Recht auf das Tragen von Waffen garantiert, nicht zur Disposition steht.

„Wie die Mehrheit der Amerikaner glaube ich, dass der Zweite Verfassungszusatz das individuelle Recht auf Waffentragen garantiert“, meint Obama. Ein Waffenrecht nach europäischen Muster, das den Kauf und Besitz von Waffen weitreichend einschränkt, ist in den USA schlichtweg undenkbar.

Im Visier sind die halbautomatischen Sturmgewehre - wie auch der Killer von Newtown eins benutzte. „Ein Sturmgewehr ist eine Waffe, die für militärische Zwecke entwickelt wurde“, schimpft die Senatorin Dianne Feinstein. „Es gehört nicht auf die Straßen unserer Städte.“ Auch Obama zielt auf ein Verbot dieser Waffen ab. Von 1994 bis 2004 war ihr Verkauf in den USA schon untersagt - doch unter der Präsidentschaft von George W. Bush wurde das Verbot nicht verlängert.

Doch Obama weiß nur zu gut: Gesetze allein helfen nicht. „Wir müssen genauer auf unsere Kultur schauen, die allzu oft Schusswaffen und Gewalt glorifiziert“. Feuerwaffen faszinieren die Amerikaner, Hollywood hat eine Vorliebe für waffenstrotzende Filme - und historisch war die Landnahme der Siedler in der Neuen Welt mit Feuerwaffen möglich. Den Kampf gegen den Waffenwahn, meint Obama, „müssen wir in unseren Häusern und unseren Herzen beginnen“. Ob das nach den Auftritt der NRA einfacher wird, ist fraglich.

Auch interessant