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Titisee-Neustadt: Nach dem Brand versinkt eine Stadt in Trauer

Uhr | Aktualisiert 27.11.2012 17:35 Uhr

14 angezündete Grabkerzen stehen am 27.11.2012 in Münster Sankt Jakobus in Titisee-Neustadt (Baden-Württemberg) neben Rosen. Sie erinnern an die 14 Menschen, die am 26.11.2012 beim Brand in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt ums Leben gekommen sind. (FOTO: DPA)

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Vier Grablichter brennen unter einem Holzunterstand direkt neben dem Aufgang zu dem modernen, dreistöckigen Werksgebäude. Daneben hängt das Schild: „Werkstätte Neustadt für Menschen mit Behinderung“.
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Titisee-Neustadt/bz. 

Bis zu 120 Behinderte stellten in der Caritas-Einrichtung bislang unter anderem Laubsägearbeiten für Weihnachtsdekorationen her. Statt Mitarbeiter und Betreuer laufen am Dienstag Polizisten in schwerer Brandschutzausrüstung über das Gelände. Sie müssen klären, wie es zu dem fürchterlichen Feuer kommen konnte, dem 13 Behinderte und eine Betreuerin zum Opfer gefallen waren.

An dem hell getünchten Industriegebäude in Titisee-Neustadt selbst deutet einen Tag nach dem Unglück nur wenig auf die Geschehnisse hin: Das Gelände ist mit Absperrband gesichert, zerborstene Fensterscheiben am Seitentrakt geben den Blick auf das verruste Innere des mittleren Stockwerks frei. Die dramatischen Szenen, die sich keine 24 Stunden zuvor hier abspielten, hatte Dietlinde Kerler mit angesehen. Das Haus der älteren Dame liegt gegenüber dem Unglücksort.

„Wir waren auf dem Balkon und haben gesehen, wie die Behinderten von hinten aus der Werkstatt gekommen sind“, erzählt sie einen Tag danach. Erst habe sie an eine Brandschutzübung gedacht. „Dann haben wir erst gesehen, dass es qualmt, dass es brennt, dass es reine Tatsachen sind“, erzählt die geschockte Seniorin.

Wie ihre geht es vielen in dem 12.000 Einwohner zählenden Schwarzwaldstädtchen Titisee-Neustadt. Für Samstagvormittag hat die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Kirchen einen Gottesdienst im Neustädter Münster angekündigt. Das Erzbistum Freiburg richtete im Internet ein virtuelles Trauerportal ein. Den für das kommende Wochenende geplanten Weihnachtsmarkt im Stadtteil Neustadt sagten die Organisatoren am Dienstag „aufgrund der dramatischen Ereignisse“ ersatzlos ab.

13 Behinderte im Alter von 28 bis 68 Jahren und eine 50-jährige Betreuerin kamen bei dem Brand ums Leben, elf Frauen und drei Männer. Neu weitere Menschen wurden verletzt. Die Antwort auf die Frage, wie es zu der Tragödie kommen konnte, sollen in den kommenden Tagen die Brandermittler liefern. Noch am Montagabend nahmen die Experten ihre Arbeit auf. „Die Brandermittler der Kriminalpolizei, die Spurensicherung und Sachverständige waren in der Nacht vor Ort“, sagt ein Sprecher der Freiburger Polizei am Dienstag. Eine Sonderkommission soll schnelle Erkenntnisse liefern.

Bis die Experten Ergebnisse vorweisen können, wollen sich Polizei und Feuerwehr auch nicht zu möglichen Ursachen für das Feuer äußern. Sie halten sich an das, was die Helfer am Montag vorfanden, als sie in das brennende Haus einstiegen: Im mittleren der drei Geschosse des Gebäudes sei das Feuer ausgebrochen, sagt der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Titisee-Neustadt, Gotthard Benitz. „Die Opfer waren alle im gleichen Stockwerk.“ Die Menschen aus den Etagen darüber wie darunter hätten ohne Schwierigkeiten das Gebäude verlassen.

Die Brandschutzanlage in der Werkstatt sei auch intakt gewesen, sagt Benitz. „Wir haben keinerlei Erkenntnisse, das es irgendwelche Mängel am vorhandenen Brandschutz gab.“ Des Öfteren habe die örtliche Feuerwehr zudem Brandschutzübungen in der Neustädter Behindertenwerkstatt gemacht. Die letzte Übung dieser Art sei erst im vergangenen Jahr gewesen, versichert der Feuerwehr-Kommandant. Wie es gleichwohl zu dem Brand und der heftigen Rauchentwicklung kommen konnte, bleibt am Dienstag zunächst ein Rätsel.

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