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Textilindustrie: «Es gibt keine einzige Vorzeigefirma»

Uhr | Aktualisiert 26.11.2012 22:16 Uhr
Immer wieder brennt es in Textilfabriken. Erst am Samstag waren 110 Menschen in Bangladesch ums Leben gekommen. Bei einem weiteren Brand in einer anderen Fabrik kamen am Montag die Arbeiter mit dem Schrecken davon. (FOTO: RTR) 
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Der Brandschutz ist nur eines der Probleme der Textilbranche. Organisationen wie CCC fordern bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen.
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München/MZ. 

Wenn wie jetzt in Bangladesch Textilfabriken brennen und Menschen sterben, steht bei Kirsten Clodius das Telefon nicht still. Sie ist Branchenexpertin bei der Christlichen Initiative Romero (CIR), einem Mitglied der internationalen Kampagne für saubere Kleidung (CCC). Ihre Erkenntnisse nach Katastrophen in Folge sind ernüchternd. "Es gibt keine einzige Vorzeigefirma, die wir hervorheben könnten", bedauert sie und meint damit nicht nur billige Discounter sondern auch teuere Markenartikler.

Schwer belehrbare Umweltsünder

Beide Gruppen würden oft in der gleichen Fabrik in einem Billiglohnland wie China, Pakistan, Bangladesch oder Vietnam fertigen lassen. Mancher Verbraucher denke, dass bei einem T-Shirt für 50 Euro die Arbeitsbedingungen besser sind als bei Billigware. "Das ist ein Trugschluss", warnt Clodius. Realität sei, dass im einen Teil der Fabrik Markenmode genäht wird, in einem anderen ein Billigshirt und alles zum gleichen Lohn, oft unterhalb des für die Existenz nötigen Minimums und bei Arbeitszeiten von bis zu 100 Stunden pro Woche.

Allgemein stehen Textilkonzerne im Ruf, schwer belehrbare Umweltsünder zu sein. Ihre Zulieferer werden seit Jahren massiver Arbeitsrechtsverletzungen bezichtigt. Mit ihrer Kampagne "detox our future" (entgiftet unsere Zukunft) hat Greenpeace das Problem giftiger Chemikalien in der Produktion in den Fokus gerückt und Adidas, Puma sowie Nike dazu gebracht, giftigen Stoffen bis 2020 abzuschwören. Die Gegenwart in puncto ökologischer und sozialer Verantwortung bleibt aber trübe, zeigt eine Studie. Angefertigt hat sie die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagentur Oekom. 38 Sportartikler und andere börsennotierte Textilkonzerne wurden unter die Lupe genommen. Am Ende stand eine miserable Durchschnittsnote D auf einer von A+ bis D- reichenden Skala. Nur fünf Firmen hat Studienleiterin Lisa Häuser als relative Vorzeigeunternehmen identifiziert, die begonnen haben, auf grünen Pfaden zu wandeln.

Ratingsieger mit C+ ist Nike, gefolgt von Adidas mit derselben Note. Die gilt auch für Puma auf Rang fünf. In anderen Branchen erreichen die Besten allerdings B-Noten. Das zeigt, dass in der Textilindustrie noch einiges im Argen liegt. An der Tagesordnung seien Löhne unterhalb des Existenzminimums, extreme Überstunden, giftige Chemikalien und enorm hoher Wasserverbrauch, kritisieren Oekom und Organisationen wie CCC.

Vor allem Nike, Adidas und Puma seien glaubhaft am Umdenken, lobt Häuser vorsichtig. So kontrolliere Puma nicht nur direkte Zulieferer, sondern auch solche die als zweites oder drittes Glied in der bis zu fünfstufigen Produktionskette liegen auf Mindeststandards. Adidas punktet mit dem Ziel, den Anteil an Biobaumwolle bis 2018 auf 100 Prozent zu erhöhen.

Outdoorfirmen sind Vorreiter

Als Vorreiter der Branche nennt Häuser die US-Outdoormarke Patagonia, die nicht bewertet wurde, weil sie nicht börsennotiert ist. Die Kalifornier würden wie kein Wettbewerber auf Recycling bauen. Unter anderem biete das Unternehmen eine Internetplattform für gebrauchte Patagonia-Produkte. Auch CCC sieht in Outdoorfirmen eine "Gruppe der Fortgeschrittenen". Kunden teuerer Outdoorbekleidung denken ökologischer und anders als die von Textildiscountern wie Kik, meint Clodius. Wer wie Sportartikler seine Produkte über das Image verkaufe, sei offenbar eher zum Umdenken bereit.

Ein Gütesiegel, das in ökologischer wie sozialer Hinsicht alles abdeckt, gebe es nicht. Anders als bei Lebensmitteln sei die Produktionskette bei Textilien sehr lang und global. "Um dem Ziel einer nachhaltigen Textilindustrie näher zu kommen, müssten viele Konzerne ihr Geschäftsmodell grundsätzlich überdenken", sagt Häuser. Weit verbreitet sei die Bereitschaft dazu nicht.

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