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Sexismus-Debatte: Was darf man(n) noch sagen?

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 12:32 Uhr

Ein Motivwagen zum Thema Berlusconi fährt im Februar 2010 in Köln (Nordrhein-Westfalen) durch die Stadt. Die Sexismus-Debatte hat nun auch bei den Jecken Einzug gehalten. (ARCHIVFOTO: DPA)

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Sexismus ist dieser Tage in aller Munde. Aber was traut sich ein Mann überhaupt noch zu einer Frau zu sagen? In kleineren Betrieben geht es oft lockerer zu als auf der Politbühne - die Aufmerksamkeit wächst aber vor allem bei den Männern.
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Kassel/dpa. 

Charlotte Thiele lacht. „Wenn mein Chef sowas sagen würde... Er hat meinen Busen bemerkt, na und?“, sagt die 54 Jahre alte Angestellte der Bäckerei Lange in Kassel. Und wenn ihr ein Kollege einen Klaps auf den Po gäbe, bekomme er einen zurück, betont sie. „Ich find's albern, sich darüber aufzuregen.“ In der Debatte über Sexismus schütteln viele Menschen den Kopf - die einen, weil sie die Äußerungen von FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle für plump und sexistisch halten, die anderen, weil sie die Aufregung über einen flapsigen Spruch nicht verstehen können. Aber was darf man(n) noch? Und was wagt man(n) noch?

„Ein Mann kann leicht in die Sexismusfalle tappen“, sagt Sexualforscher Professor Harald A. Euler (69) von der Universität Kassel. Ein Flirt auf Augenhöhe falle meist nicht darunter, in anderen Situationen sei eine Grenze schnell überschritten. Doch auch beim Flirt fängt das Problem schon an. In Studien sei nachgewiesen worden, dass Männer viel öfter als Frauen denken, es gehe in Gesprächen um Sex, erzählt Euler. „Das passiert ständig beim Austausch zwischen Mann und Frau.“

Wenn Männer die Frauen kaum einschätzen können und ein Blick als sexistisch gewertet werden kann, führt das dazu, dass Männer zurückhaltender werden. Ob Apotheker, Friseur oder Metzger - kaum jemand will sich zum Thema äußern. „Die Sensibilität ist momentan deutlich höher. Zwei falsche Worte und gleich gibt's einen hinter die Ohren“, sagt Karsten Wetzel vom gleichnamigen Optikergeschäft in Kassel. Natürlich gebe es Grenzen, „aber einer schönen Frau hinterherzupfeifen, ist doch ein Kompliment und nicht sexistisch“. Die Debatte werde viel zu überspitzt diskutiert. „Mich ärgert der Berliner Flughafen mehr.“

Der 32 Jahre alte Sura Kanmuang vom Kasseler Café Eberts findet die Aussagen von Brüderle zwar nicht schlimm. Dennoch: „Bei Gästen würde ich mich mit Komplimenten zurückhalten“, betont er. Auch Reisebüro-Geschäftsführer Joachim Haub macht sich Gedanken. „Als Mann ist es immer weniger, das man sich erlauben darf.“ Für ihn fange sexuelle Belästigung an, „wenn man jemand anfasst“.

Sexualforscher Euler bedauert die aufkommende Zurückhaltung der Männer. „Frauen beklagen sich dann auch: „Wo sind die echten Männer hin?“ oder „Männer trauen sich nicht mehr, Frauen anzusprechen“.“ Das sei natürlich kein Freifahrtschein für sexistische Anmachen, betont er, erwartet aber auch in Deutschland ähnliche Entwicklungen wie in den USA, wo Männer viel leichter wegen sexistischer Äußerungen verklagt werden können. „Ich denke nicht, dass das so gut ist.“ Eulers Konsequenz auf seinen Reisen: „Ich mache in den USA keine Komplimente mehr.“

Die aktuelle Sexismus-Debatte scheint also Wirkung bei den Männern zu zeigen. Doch ist es allein mit dieser Diskussion getan? Sexualforscher Euler fordert, weitere Debatten anzustoßen. Er sagte, die betroffene „Stern“-Journalistin habe das Gespräch mit dem heute 67 Jahre alten Brüderle mit der Frage begonnen, ob dieser nicht zu alt für das Amt des Parteivorsitzenden sei. Das ist für Euler Altersdiskriminierung. „Sie hat damit ebenfalls eine Grenze überschritten.“ Das könne als Angriff auf die Ehre betrachtet werden, betonte Euler. „Aber das wird nicht diskutiert.“ Noch nicht?

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