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Russland: Bei Lenin regnet es durch

Uhr | Aktualisiert 28.12.2012 15:44 Uhr

Lenins Grabstätte ist vorerst nicht für Besucher geöffnet. (FOTO: DPA)

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Das Lenin-Mausoleum ist zur Renovierung geschlossen, denn das Fundament der Grabstätte kommt ins Rutschen und wird daher saniert.
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Moskau/MZ. 

Ein aufblasbares weißes Zelt erhebt sich hinter einem rotbraunen Bauzaun aus Wellblech. An der Stelle, an der bisher das Lenin-Mausoleum Touristen anlockte. Im Museumsrestaurant in einem Torbogen der "Neuen Handelsreihen", ehemals Staatliches Kaufhaus GUM am Roten Platz, hebt der Oberkellner bedauernd die Schultern. Es sei ab sofort zur Renovierung geschlossen. Nun sei aber noch nicht aller Tage Abend. Am 30. April werde es wieder eröffnet, fügt er beschwichtigend hinzu.

Ursprünglich sollte das Mausoleum nur bis Silvester schließen, wenn eine staatliche Kommission die zwischenzeitlich entstandenen Schäden in Augenschein genommen habe. Dann habe es aber geheißen, die Sache dulde keinen Aufschub, man habe nicht einmal bis zum Frühjahr Zeit. Stellvertretend für den fehlenden Ausblick teilt der Ober den Besuchern sein angelesenes Wissen mit. Die Kommission habe festgestellt, dass die 1930 gelegte Fundamentplatte aus Stahlbeton immer schneller nach Süden, in Richtung der Basilius-Kathedrale abdriftet. Faktisch stehe der schwere Bau aus Granit und Labrador nur noch mit einer Ecke darauf. Ursprünglich hatte in unterirdische Räume hineinlaufendes Wasser Anlass für Besorgnis geliefert. Offenbar hatte die Feuchtigkeitsisolierung Leckstellen. Bei genauem Hinsehen erwiesen sich die Schäden jedoch als viel ernster.

Der Bau war seit seiner Fertigstellung vor 80 Jahren noch nie generalüberholt worden. Eine Rekonstruktion in den 80er Jahren wurde geheim gehalten, denn damals wurde ein Aufzug für greise Politbüromitglieder angebaut, die den Weg auf die Tribüne zu Fuß nicht mehr schafften. Dieser Anbau wird jetzt für die Lecks, die das Abdriften beschleunigen, verantwortlich gemacht. Deshalb soll der Aufzug wegkommen. Die neuen russischen Landesführer sind erstens jung und zweitens benutzen sie die Tribüne des Mausoleums auf dem Roten Platz grundsätzlich nie.

Im Januar des Jahres 1924 wurde der Führer des Weltproletariats in einem binnen nur drei Tagen errichteten provisorischen Bau beigesetzt. Schon im Frühjahr danach wurde dieser durch ein vom Stararchitekten Alexej Schtschussjew konzipiertes Mausoleum aus Echtholz ersetzt. Sechs Jahre später machte es dem inzwischen gewohnten Steinbau Platz. Schtschussjew war über diese Lösung keineswegs glücklich, er musste aber dem Willen des allmächtigen Diktators Josef Stalin nachgeben. Das steinerne Mausoleum hatte dort zu stehen, wo Stalin es hinhaben wollte. Spätere Probleme mit dem Fundament ließen sich schon damals absehen. Der alte Kreml war von einem 30 Meter tiefen Schutzgraben umgeben. 1812 hatte Napoleon Teile der Kremlmauer und einige Bauten in der Festung sprengen lassen. Nach dessen Abzug wurde der Graben zugeschüttet, um die Wiederaufbauarbeiten zu erleichtern. Da die Stadt halb zerstört, halb abgebrannt war, wurde Bauschutt dazu verwendet. Der enthielt viel Holz, das sich 200 Jahre lang einwandfrei verhielt, jetzt aber zu verrotten begann. Also war eigentlich Napoleon an allem schuld. Von Baufehlern könne keine Rede sein, heißt es in der Kreml-Verwaltung.

Ursprünglich sollte Lenin in seiner Gruft ungestört schlummern. Es gab aber immer wieder Anschläge auf seine Mumie. Als sie durch Glassplitter beschädigt wurde, bekam der Führer aller Werktätigen eine neue Hülle aus kugel- und explosionsfestem Glas. Beim Vormarsch deutscher Truppen auf Moskau wurde die Leiche 1941 heimlich nach Tjumen umgebettet. Die berühmte Militärparade im November 1941, deren Teilnehmer sofort an die Front marschierten, fand vor einem leeren Mausoleum statt. Erst 1945 kehrte Lenin auf seinen angestammten Platz in der Gruft zurück. 1953 wurde Stalin neben seinen Vorgänger gebettet, und die Steinplatte über dem Eingang bekam die Inschrift "Lenin - Stalin". 1961 wurde der "Beischläfer" in einer Nacht- und Nebelaktion entfernt, und Lenin hatte das Mausoleum wieder für sich allein. Die Steinplatte mit den zwei Namen liegt bis heute vor einer Steinmetzwerkstatt im Moskauer Vorort Butowo. Nur die eingesetzten Buchstaben aus Labrador wurden als Souvenir geklaut.

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder die Forderung laut, Lenin "endlich nach christlicher Art zu beerdigen". Deshalb äußerten die Kommunisten jetzt den Verdacht, ihr Idol solle "unter dem Deckmantel der Renovierung" vom Roten Platz entfernt werden. Ein offizieller Sprecher des Föderalen Wachdienstes versicherte daraufhin, Lenin bleibe während der Arbeiten in seiner Gruft. Diese sei von den Reparaturen nicht betroffen. Sie soll nur irgendwann im Februar "gewartet" werden. Es ist aber nichts Besonderes. In Abständen wird der Leichnam in einem angrenzenden Raum nackt ausgezogen und in eine konservierende Lösung getaucht. Wenn neue Besucher im Mai kommen, sieht er wieder "wie neu" aus.