Vorlesen

Polarmeer: Eisberge trotzen dem Klimawandel in Grönland

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 20:50 Uhr

Ein Eisberg treibt vor Grönland. (FOTO: RTR)

Von
Neue Daten zeigen, dass das grönländische Eisschild schon höheren Temperaturen standgehalten hat als heute. Eine Entwarnung gibt es dennoch nicht.
Drucken per Mail
Stockholm/MZ. 

Im westgrönländische Illulisat erzählen die älteren Fischer, dass ihre majestätisch in der Sonne glitzernden Eisberge in den 50er Jahren teils doppelt so hoch aus dem Polarmeer ragten wie heute. Das Augenmaß der alten Seeleute wird immer wieder von wissenschaftlichen Messungen bestätigt. Demnach schmelzen Grönlands Eismassen wegen der Klimaerwärmung tatsächlich immer schneller.

Die auf der größten Insel der Welt eingefrorenen Wassermassen sind so gewaltig, dass ihr völliges Abschmelzen den Meeresspiegel um bis zu sieben Meter erhöhen könnte. Laut einer vor einem Jahr veröffentlichten Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung könnte das schon bei einem leichten Temperaturanstieg von nur 0,8 bis 3,2 Grad der Fall sein. Dann würden ganze Nationen untergehen, etwa das 158,5 Millionen Einwohner zählende Bangladesch. Doch anscheinend sind die Eismassen Grönlands um einiges resistenter gegen die Erderwärmung als bislang angenommen.

Tagebuch der Klimageschichte

Dies legen zumindest die überraschenden Ergebnisse einer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten internationalen Studie nahe. An der Studie ist ein internationales Team des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (Bremerhaven) und der Universitäten Bern, Kopenhagen und Stockholm beteiligt. Sie hat festgestellt, dass die Dicke des Eisschilds in Grönland vor 120 000 bis 128 000 Jahren nur wenig geringer war als heute. Und dies, obwohl die Temperaturen damals um fünf bis acht Grad Celsius höher waren als heute. Gleichzeitig war der Meeresspiegel damals dennoch vier bis acht Meter höher als heute. Die neuen Eiskern-Messungen der Forscher deuten darauf hin, dass das grönländische Eisschild wegen seiner Wärmeresistenz nur für weniger als die Hälfte des damaligen weltweiten Anstiegs des Meeresspiegels verantwortlich war. Die Studie stützt sich auf Bohrungen im Eisschild. Auf diese Weise konnte eine 2 540 Meter lange Eisstange herausgebohrt werden. Wie in einem Tagebuch lassen sich dort die Wetterereignisse aller Jahre ablesen. Kleine, in den Jahrtausenden konservierte Luftbläschen bieten Momentaufnahmen der damaligen Atmosphäre. Über die Sauerstoffart und das Vorkommen von Gasen geben sie Aufschluss über die damalige Temperatur und die Eisdicke.

Die Warmzeit vor 120 000 Jahren ist den Wissenschaftlern bereits bekannt. Aus ihrer Erforschung lassen sich auch Rückschlüsse auf die künftige globale Klimaentwicklung ziehen. "Die damalige Warmzeit - die sogenannte Eem-Periode - könnte als Beispiel dafür dienen, wie sich der grönländische Eisschild in der Zukunft, in der durch den Einfluss des Menschen die Treibhausgaskonzentrationen und die Temperaturen immer weiter ansteigen werden, entwickeln wird", sagt Hubertus Fischer, Klimaforscher an der Universität Bern.

Die auf den ersten Blick gute Nachricht der Studie besagt, dass der grönländische Eisschild womöglich nicht so empfindlich auf die Erderwärmung reagiert, wie bisher angenommen. Doch diese Aussage müsse relativiert werden, sagt Fischer. Wenn nicht Grönland damals einen Großteil seines Eises ins Meer abgestoßen hat, dann müsse die Antarktis für einen Großteil des Anstiegs des damaligen Meeresspiegels um vier bis acht Meter verantwortlich gewesen sein.

Antarktis empfindlicher als gedacht

Fischer vermutet, dass vor allem die Westantarktis im Vergleich empfindlicher auf Klimaveränderungen reagieren könnte als bisher angenommen. Er warnt: "Ein so dickes grönländisches Eisschild in einer Zeit mit so hohen Temperaturen ist zwar erstaunlich, aber kein Grund einfach abzuwarten, was die menschengemachte globale Erwärmung bringen wird."

Auch interessant