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Newtown: Blutrausch mit Schnellfeuergewehr

Uhr | Aktualisiert 16.12.2012 23:09 Uhr
Ein US-Flagge hängt in Newtown, Connecticut, auf Halbmast. Ein Amokschütze tötete in der Kleinstadt 26 Kinder und Frauen und schließlich sich selbst. (FOTO: DPA) 
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Das schlimmste Schulmassaker in der Geschichte der USA erschüttert die Menschen und wirft viele Fragen auf. Das Tatmotiv ist völlig unklar. Die Debatte um Waffenverbote wird neu entfacht.
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Newtown/MZ. 

Als Adam Lanza am Freitagmorgen kurz nach 9.30 Uhr vor der Eingangstür der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown steht, hat er schon einen Mord begangen. Im Haus Yogananda Street Nummer 36 liegt seine Mutter Nancy. Sie ist tot. Adam Lanza hat sie mit zwei Schüssen in den Kopf getötet, ihre Waffen ins Auto gepackt und ist losgefahren. Drei Meilen etwa sind es bis zur Grundschule. Die Straße führt durch die Wälder Neuenglands.

Die Schultür ist verschlossen. Wer nach halb zehn in das Gebäude will, muss klingeln. Adam Lanza schießt. Etwa ein halbes Dutzend Kugeln aus einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr reißen ein Loch in die Glastür, durch das der 20 Jahre alte Lanza in die Schule schlüpft. In diesem Augenblick, so lassen Rekonstruktionen der Polizei über den Tathergang vermuten, muss sich Adam Lanza entscheiden. Genau vor ihm ist das Büro der Schulleiterin Dawn Hochsprung. Rechts ist ein Raum, in dem zwei Dutzend Kinder ein Theaterstück üben. Links von ihm liegen die Zimmer der Erstklässler. Lanza geht nach links. Auf dem Weg dorthin erschiesst er die Schuldirektorin und die Schulpsychologin Mary Scherlach. Die Frauen sind aus ihren Büros gelaufen, als sie die ersten Schüsse gehört haben. Sie werden die ersten Opfer des Amokläufers. Am Ende wird die Polizei 28 Tote zählen, unter ihnen 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, sieben Erwachsene und der Täter selbst.

Adam Lanzas Amoklauf hat wahrscheinlich Methode. Eine eigene Methode. Die Ermittler fragen sich am Wochenende, warum der Täter am Klassenzimmer von Lehrerin Kaitlin Roig vorbei geht. Warum er ausgerechnet die Räume heimsucht, in denen Lauren Rousseau und Victoria Soto die Erstklässler unterrichten. In der Zeitung „Hartford Courant“ wird am Sonntag ein Polizist zitiert, der die Abscheulichkeit von Adam Lanzas Tat in Rousseaus Klassenzimmer nüchtern kommentiert: „Da hingen 14 Jacken und da waren 14 Leichen. Er hat sie alle getötet.“

Lanza zieht weiter – in ein Klassenzimmer, in dem sich die 27 Jahre alte Lehrerin Victoria Soto als menschliches Schutzschild zwischen den Eindringling und ihre Schüler stellt. Sechs Kinder versuchen zu fliehen. Lanza tötet sie und nur kurz darauf auch die Lehrerin und eine Kollegin, die sich ebenfalls in dem Zimmer aufhält. Später, heißt es, habe die Polizei sieben Kinder entdeckt, die sich in einem begehbaren Einbauschrank versteckt haben, während Lanza draußen im Zimmer schoss und schoss und schoss. Victoria Sotos Cousin Jim Wiltsie sagt am Samstag im Fernsehsender ABC News über seine Verwandte: „In unseren Augen ist sie eine Heldin.“

Ungefähr zehn Minuten lang dauert das Gemetzel in der Schule. Lanza verbraucht fast 100 Schuss. Dann tötet er sich selbst.

Wayne Carver, der Chef der Gerichtsmediziner im Bundesstaat Connecticut, gibt am Samstag in Newtown eine Erklärung ab und sagt, so etwas Schlimmes habe er in seiner ganzen, mehr als 30-jährigen Laufbahn noch nicht gesehen. Jedes der Opfer trage zwei bis elf Schusswunden. „Alle Wunden, die ich bislang gesehen habe, wurden von dem Gewehr verursacht“, sagt der Forensiker.

Verzweifelt fragen sich nun die Menschen, wie das geschehen konnte. Ausgerechnet in Newtown, dem friedlichen Städtchen in Connecticut, in dem es den meisten Menschen finanziell gut geht, in dem es kaum Kriminalität gibt und in das Leute von auswärts in den letzten Jahren gezogen sind – gerade weil Newtown so friedlich ist und es sich so schön leben lässt in den Wäldern Neuenglands.

Niemand hat bislang auch nur den Hauch einer Ahnung, was dazu führte, dass Adam Lanza, der zurückhaltende, scheue und ein wenig merkwürdige Junge aus der Yogananda Street, das schlimmste Schulmassaker in der US-Geschichte anrichtete. War es die Trennung seiner Eltern vor zehn Jahren, die Lanza nicht verwunden hat? War es der Einfluss von Gewaltvideos, die der junge Mann angeblich gespielt haben soll? Warum suchte sich Lanza ausgerechnet die Sandy-Hook-Grundschule aus? War Lanzas Mutter als Kindergärtnerin an der Schule beschäftigt?

Das immerhin hätte auf eine Verbindung ihres Sohnes zu der Schule hingewiesen, und daraus hätte sich vielleicht ein Motiv für die Tat ergeben. Doch die Polizei will das nicht bestätigen. Und auch die Meldungen, wonach Adam Lanza am Tag vor dem Amoklauf einen Streit mit einigen Angestellten der Schule gehabt haben soll, erhärten sich nicht.

Robbie Parker treibt seit Freitag nur eine Frage um: Warum Emilie? Das Mädchen wurde nur sechs Jahre alt. Am Freitag starb sie in ihrem Klassenzimmer. Knapp 36 Stunden später spricht ihr Vater zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über den Tod seiner Tochter. Es ist ein bewegender Moment, als Robbie Parker das Wort ergreift. Er kämpft mit den Tränen. Er sagt, er wolle auch die Familie des Täters in seine Gebete einschließen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie hart diese Erfahrung für sie sein muss“, sagt der Mann. Er spricht von einer schrecklichen Tragödie, die sich ereignet habe. Emilie sei wunderschön und blond gewesen. Immerzu habe sie gelächelt. „Sie war ein Mensch, der jeden Raum zum Leuchten bringen konnte. Für jeden Menschen fand sie ein nettes Wort.“ Dann wechselt Parker in die Gegenwartsform, als habe er noch immer nicht begriffen, dass Emilie tot ist. Er sagt: „Sie ist ein unglaublicher Mensch. Und ich bin so gesegnet, dass ich ihr Vater bin.“

JR Shine sitzt auf einem wackligen Stuhl vor einem Tisch, den er zusammen mit Freunden aufgestellt hat. Rechts ist der örtliche Schnapsladen, hinter ihm ein Cafe. Shine trägt eine Nikolausmütze. Er sammelt Geld. „Santas for Sandy Hook“ steht auf einem Pappschild. Shine ist 21 Jahre alt, in der Nachbarschaft groß geworden und studiert Marketing im rund 100 Kilometer entfernten New York. Er sagt, das Geld sei für die Familien der Opfer bestimmt. Er wisse zwar auch nicht, ob Geld in dieser Situation helfe, sagt Shine: „Aber ich dachte mir, ich müsse irgendetwas tun.“

Dann rückt sich der junge Mann die Nikolausmütze auf dem Kopf zurecht und sagt: „Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Jeder kennt hier jeden, das ist eine tolle Gemeinschaft hier. Wir helfen uns.“ Adam Lanza aber habe er nicht gekannt, sagt Shine: „Nie gesehen.“ Das mag stimmen oder eine Ausflucht sein. Wer will schon zugeben, einen Massenmörder gekannt zu haben.

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