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MZ-Serie: Die ewig unerträgliche Jugend

Uhr | Aktualisiert 30.12.2012 20:51 Uhr
Die Jugend von heute - nur Party im Kopf. Oder doch nicht? (FOTO: MZ) 
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Manche konsumieren, andere sind kreativ, engagieren sich oder passen sich an. Das Los der Jugend aber ist: Keine junge Generation ist je so perfekt wie die Generationen vor ihr glauben gewesen zu sein.
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Halle (Saale)/MZ. 

Doch schon wieder 13 Uhr. Zeit, aufzustehen. Es war wieder ein langer Abend letzte Nacht bei Bier und anderen geistigen Getränken. Der Beat pumpte, eine Kippe mit Zusatzstoff kreiste und auf dem Nachhauseweg tobte der Berufsverkehr. Der Hausmeister fegte vor der Tür und konnte sich natürlich nicht zurückhalten, einen Kommentar abzugeben. "Was anderes als Saufen könnt ihr nicht", knirschte der Mittvierziger. "Zu unserer Zeit hätten sie Euch aber...!"

"Zu unserer Zeit" ist irgendwann früher gewesen, längst vergangen. "Zu unserer Zeit" beschreibt eine Welt, die noch in Ordnung gewesen ist: Kinder waren brav, Jugendliche beflissen, wissbegierig und fleißig. Nicht wie die Jugend von heute. Die "liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität", wie ein deutschlandweit bekannter Philosoph beunruhigt beschreibt. Zudem widersprächen junge Leute "ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer".

Was ist bloß passiert. Was ist bloß geschehen? Wo liegt der Fehler, der aus den jungen Menschen des neuen Jahrtausends jene albtraumhaften Wesen macht, die Metall im Gesicht tragen, Tätowierungen auf den Armen und immer ein Handy in der Hand? Die sich nicht für Politik interessieren und manchmal nicht einmal für Popstars? Die keine Bücher lesen, aber Zeitungen eigentlich auch nicht?

Immer nur Facebook, immer nur Twitter und Whatsapp. "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt", schaut ein Schriftstellerkollege des skeptischen Philosophen hoffnungslos in die Zukunft. Der Mann, von Hause aus ein hervorragender Beobachter, hat sehr genau hingeschaut und leider keine Zweifel mehr: Die Jugend sei nicht nur unerträglich, sondern auch "unverantwortlich und entsetzlich anzusehen".

Ist die Erziehung schuld? Oder die fehlende Erziehung? Liegt es an der wachsenden Armut? Oder eher am allgemeinen Wohlstand? Selbst Experten sind unsicher und erklären die Phänomene alle paar Monate mit gegensätzlichen Mustern. "Wer selber vorzugsweise Erdnuss mampfend vor der Glotze sitzt, kann schlecht ins Kinderzimmer rufen: "Nun lies mal ein gutes Buch!", hat der Chef eines Lehrerverbandes analysiert. Nina Hagen dagegen, als junge Frau eine Rockrebellin, verzweifelt anderweitig: "Ich erziehe meine Tochter antiautoritär, aber sie macht trotzdem nicht, was ich will."

Warum stehen sie im Bus nicht auf?, fragen die Älteren. Oder rebellieren mal richtig? Lehnen sich auf gegen das Elternhaus und eine Gesellschaft, die der Alternativlosigkeit huldigt wie einer Gottheit! Warum stehen sie nie pünktlich auf? Und warum träumen sie nicht davon, alles anders, sondern bloß davon, alles besser zu machen? Schneller zu studieren oder es zumindest ruhiger angehen zu lassen. Mehr zu verdienen oder kreativer zu sein. Nicht so früh zu heiraten und mehr Wert auf Freunde als auf die klassische Familie mit Vater, Mutter, Kind zu legen.

"Hart arbeiten und auch hart feiern, Job und zugleich Familie, sparen und sich auch etwas leisten", beschreibt der Soziologe Marc Calmbach die Herausforderungen, vor denen die junge Generation steht. Calmbach hat an der Sinus-Jugendstudie 2012 mitgearbeitet, die schon im Untertitel verrät, was jung sein dieser Tage so kompliziert macht. "Wie ticken Jugendliche?" lautet der - Schulhofsprache in der Soziologie. Was bleibt da noch für den Schulhof übrig?

Alle Revolutionen sind schon durchgefochten, 68 ist vorbei, 89 vergessen. Früher hat die Jugend im Krieg gekämpft, das Land oder wenigstens den Sozialismus aufgebaut, gegen die alten Institutionen aufbegehrt oder Mauern eingerissen. Die aber, die um diesen letzten großen Zeitenbruch herum geboren wurden, sind heute zwischen 17 und 27 und sie stehen unter großem Druck. Keine Generation zuvor ist zeitlebens von gesellschaftlichen Umbrüchen verschont geblieben. Keine hatte gleichzeitig so oft die Qual der Wahl: Als Kind zwischen zehntausenden Puppen, Matchbox und Konsolenspielen. Als junge Erwachsene zwischen Karrieren mit globalem Anspruch und dem kleinen Glück daheim.

Allerdings liegen auch die gesicherten Verhältnisse hinter denen, auf denen die Zukunftshoffnungen der Älteren ruhen. Die Berufsaussichten sind wage, die Leistungsanforderungen hoch. Es wird schwer werden, den ewigen Traum aller Eltern einmal zu erfüllen, dass es den Kindern mal besser gehen möge. Aussteigen aber kommt auch nicht infrage. Das kurzlebige Aufflammen von Bewegungen wie Attac oder Occupy Wallstreet spricht Bände über die These, Soziale Netzwerke könnten Widerstand verstärken helfen. Nein, sie beschleunigen ihn allenfalls. Und sie beschleunigen damit auch sein Ende.

So leicht es von fern aussieht, so schwer ist es, jung zu sein in Zeiten, in denen sich die Alten selbst für jung halten. "Wir haben noch richtig gesoffen", hören 15-Jährige ihre Väter nach dem ersten Vollrausch sagen. "Wir sind damals noch bis hoch an die Ostsee getrampt", erfährt die 22-Jährige, die gerade eine Fahrt bei der Mitfahrzentrale gebucht hat.

Der Vorwurf ist ein doppelter: Warum zum Teufel seid ihr nicht so, wie wir damals gern gewesen wären? Und weshalb seid ihr genauso, wie wir früher waren?

Der Stellenwert von Jugend, das zeigen die Suchtrends bei Google, schwindet. Zwischen 2004 und heute hat sich die Suchhäufigkeit des Begriffes "Jugend" halbiert. Es ist nicht mehr sehr besonders, jung zu sein, vom Alter mal abgesehen. Die Werte von Alten und Jungen, daran lassen Studien keinen Zweifel, sind inzwischen dieselben. Sicherheit, Pflichtbewusstsein, Familie, Freundschaft, nur die Reihenfolge variiert. Nach der Definition des Schriftstellers Arno Schmidt ist das ein Erfolg, denn der Dichter, der schon als junger Mensch "Bankbeamter" als Traumberuf nannte, hatte Erziehung als den Versuch beschrieben, "Kinder dahin zu bringen, die Fehler der Eltern zu wiederholen". Nach dem Volksmund hingegen ist es eine Selbstverständlichkeit. Schließlich gilt hier schon immer, dass es "keinen Sinn hat, Kinder zu erziehen, sie machen sowieso alles nach".

Trotz allem, was dagegen spricht, wird es nicht schlechter, und das ist doch schon mal gut. Dass Jugend den Luxus liebt, schlechte manieren hat, Autoritäten verachtet, den Eltern widerspricht und Lehrer tyrannisiert, bemerkte Sokrates bereits vor 2 400 Jahren. Kurz nach dem Tod des großen Denkers hielt sein Kollege Aristoteles damals seine Wutrede auf die unerträgliche, unverantwortliche und entsetzliche Jugend. Vergebens, wie wir heute wissen: Jugend war nie, wie sie sein soll. Und sie wird es hoffentlich nie sein.

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