Vorlesen

Meinungsumfrage: Jammer-Ossis und Besserwessis existieren nur in Köpfen

Uhr | Aktualisiert 16.12.2012 15:42 Uhr

Eine Meinungsumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hat die Einstellung von «Wessis» und «Ossis» untersucht. (FOTO: DAPD)

Von
Ost und West, das war gestern. Es ist sinnlos, noch weiter auf den Unterschieden herumzureiten. Das meint jedenfalls die Mehrheit in einer neuen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach über Sichtweisen zur deutschen Wiedervereinigung.
Drucken per Mail
Berlin/MZ. 

Ost und West, das war gestern. Es ist sinnlos, noch weiter auf den Unterschieden herumzureiten. Das meint jedenfalls die Mehrheit in einer neuen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach über Sichtweisen zur deutschen Wiedervereinigung (das Wort Einheit kommt in der Studie nicht vor), die am Montag in Berlin präsentiert wird. Doch bei vielen weiteren Fragen, die die 466 Interviewer des traditionsreichen Meinungsforschungsinstituts vom Bodensee ihren insgesamt 1636 Probanden Ende September bis Anfang Oktober stellten, wird dann doch genau dies getan: Auf vermeintlichen Unterschieden herumzureiten.

Zu erwarten wäre das nicht, weil Antworten auf Grundsatzfragen auf eine übereinstimmend positive Stimmungslage deuten. „Ist die Wiedervereinigung Anlass zu Freude oder zu Sorge?“ beantworten 63 Prozent im Westen und 71 Prozent im Osten mit „Freude“. „Es gibt (zwischen Ost- und Westdeutschen) mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten“ wollen im Westen nur 27 Prozent, im Osten 35 Prozent bejahen. „Fühle mich mehr als „Deutscher“ denn als Ost- oder Westdeutscher“ sagen im Westen 72 Prozent, im Osten 53 Prozent.

All diese Werte sind im Laufe der Jahre, seitdem das Institut danach fragt, deutlich angestiegen. Erfreut über die Wiedervereinigung waren zwar schon 1990 bei weitem die meisten in Ost wie West, aber noch Mitte der 90er-Jahre sahen eine knappe Hälfte der Westdeutschen und 55 Prozent der Ostdeutschen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Eine ureigene Identität reklamierten damals fast zwei Drittel der Ostdeutschen für sich.

Ergo sind die Deutschen des Behauptens von Unterschieden überdrüssig? Ja, sagen fast drei Viertel im Westen und 57 Prozent im Osten. Doch hartnäckig halten sich die Vorurteile. Das Bild der Westdeutschen vom Ostdeutschen: überwiegend unzufrieden, misstrauisch, ängstlich, sparsam, zurückhaltend – aber nur zehn Prozent sagen, er sei ehrgeizig oder selbstbewusst. Umgekehrt sind die Westdeutschen in den Augen von 76 bis 45 Prozent der Ostdeutschen religiös, arrogant, „auf Geld aus“, selbstbewusst, bürokratisch, oberflächlich. Bescheiden, fleißig, hilfsbereit oder ehrlich zu sein, wollen die Ostdeutschen weit überwiegend sich selbst, den Westdeutschen fast gar nicht zubilligen.

„Ostdeutsche schreiben Westdeutschen praktisch nur negative Werte zu“, sagt Allensbach-Projektleiter Thomas Petersen. Der erklärt das als „eine Spätfolge der Prägung der Menschen in der Diktatur“: Die DDR pflegte das Bild von der überlegenen, widerspruchsfreien Gesellschaft der „neuen“, „besseren“ Menschen, im Westen säte dagegen die Nachkriegs-Auseinandersetzung mit der Schuldfrage Selbstzweifel. „Viel ist in der öffentlichen Diskussion von der Notwendigkeit des Abbaus westdeutscher Ressentiments gegenüber Ostdeutschen die Rede“, wagt Petersen ein Fazit. „Doch tatsächlich wird es notwendig sein, wie sich ostdeutsche Ressentiments gegenüber Westdeutschen abbauen lassen.“

Doch eigentlich liegen Sinn und Zweck der Studie anderswo. Ihr Auftraggeber sind die 44 ostdeutschen Hochschulen, die sich für die Werbe-Kampagne „Studieren in Fernost“ zusammengeschlossen haben. Sie wollen ihre eigene Fragestellung im grundsätzlichen Stimmungsbild spiegeln. Gelten doch Ost-West-Vorurteile als eines der Hemmnisse, die Abiturienten im Westen vom Studium im Osten abhalten – Vorurteile, die auch bei jungen Menschen im allgemeinen Durchschnitt liegen. Darüber hinaus hat die Studie den Rechtsextremismus als die stärkste Assoziation mit Ostdeutschland bei Unter-30-Jährigen im Westen ausgemacht (gefolgt von „schöne Städte“).

Doch es gibt positive Tendenzen: In dieser Altersklasse fühlen sich fast drei Viertel in Ost wie West als „Deutsche“. Überhaupt scheint es die Stereotypen in Wahrheit nicht zu geben: dem „Jammer-Ossi“ sind 79 Prozent der Westdeutschen nie begegnet und dem „Besser-Wessi“ nur 16 Prozent der Ostdeutschen. Und so fühlen sich die West-Abiturienten, die an einer Ost-Uni studieren, zu 87 Prozent „willkommen“, und fast ebenso viele würden einem Freund raten, es ihnen nachzutun: Zumindest scheinen die Ost-Hochschulen die Erwartungen, die die jungen Leute an sie stellen, zu erfüllen.

Auch interessant