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Japan: Gedenken an die Dreifach-Katastrophe

Uhr | Aktualisiert 07.11.2012 17:06 Uhr
11. März 2011 - heute jährt sich der Jahrestag der Dreifach-Katastrophe in Japan zum ersten Mal. (FOTO: DPA) 
Mit einer Schweigeminute und Gedenkfeiern im ganzen Land haben die Japaner der mehr als 19.000 Toten der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor einem Jahr gedacht.
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Tokio/Ofunato/rtr. 

Ein Jahr nach der Erdbeben- und Atom-Katastrophe hat Japan mit einer Schweigeminute und Trauer-Zeremonien der Opfer gedacht. Um 14.46 Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) stand am Sonntag im ganzen Land das Leben still. Zu diesem Zeitpunkt erschütterte vor einem Jahr eines der schwersten jemals gemessenen Beben mit einer Stärke von 9,0 das Land. Ein Tsunami brach über die Nordostküste des Landes herein und löste den schwersten Atomunfall seit der Katastrophe von Tschernobyl aus. 16.000 Menschen kamen ums Leben, knapp 3300 gelten immer noch als vermisst. Noch immer kämpft Japan mit den Folgen der Dreifach-Katastrophe, die in vielen Ländern Zweifel an der Atompolitik aufkommen ließ.

Ministerpräsident Yoshihiko Noda rief die Bevölkerung auf der zentralen Gedenkfeier im Tokioter Nationaltheater auf, gemeinsam am Wiederaufbau des Landes zu arbeiten: „Wir werden unsere historische Mission für eine Wiedergeburt dieser Nation erfüllen.“ Kaiser Akihito nahm trotz seiner kürzlichen Herzoperation an der Zeremonie teil. Der 78-Jährige appellierte an alle, die Opfer im Herzen zu behalten.

In der Küstenregion im Nordosten wie in der Stadt Ofunato erinnerten Einwohner mit einer zweiten Schweigeminute etwa eine halbe Stunde später an den Aufprall der verheerenden Riesenwelle. In Ofunato legten Bewohner weiße Chrysanthemen in Erinnerung an die 420 Opfer der Stadt nieder.

Landesweit gab es Demonstrationen gegen die Atomkraft. In Tokio bildeten etwa 12.000 Teilnehmer eine Menschenkette um das Parlamentsgebäude. Eine Demonstrantin sagte: „Das Beben war unvermeidbar, da es sich um eine Naturkatastrophe handelte. Aber wir dürfen bei Fukushima nicht stillbleiben, weil es da um eine von Menschen verursachte Katastrophe geht.“ In der Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima gingen 16.000 Menschen auf die Straße. In Deutschland demonstrierten nach Angaben der Organisatoren Zehntausende gegen die Atomkraft. Zu Aktionen kam es etwa in Hannover, dem AKW Neckarwestheim sowie in Brokdorf, wo rund 3000 Menschen den Meiler umzingelten. Am Abend rechneten die Organisatoren mit 20.000 Teilnehmern an einer Lichterkette in der Region rund um das Atommülllager Asse bei Braunschweig. Auch in anderen europäischen Staaten kam es zu Protesten.

Der Betreiber des Kernkraftwerks Fukushima, wo es nach dem Tsunami zur Kernschmelze kam, nahm den Jahrestag zum Anlass, sich erneut bei der Bevölkerung zu entschuldigen. Es habe Priorität, die Sicherheitsprobleme in den Griff zu bekommen, sagte der Präsident von Tokyo Electric Power (Tepco) Toshio Nishizawa.

Japaner kritisieren Krisenmanagement

Tepco wie auch die Regierung in Tokio stehen wegen ihres Krisenmanagements in der Kritik. Auch ein Jahr nach der Katastrophe gibt es in den vom Tsunami zerstörten Regionen und in dem radioaktiv verseuchten Gebiet um Fukushima wenig Fortschritte. Rund 326.000 Menschen sind weiter obdachlos - darunter 80.000 Menschen aus der Umgebung des Unglückskraftwerks. Die Gegend ist auf Jahre verstrahlt, weil wegen der Zerstörungen durch den Tsunami die Kühlsysteme der Reaktoren versagten und es zur Kernschmelze kam. Es wurde eine 20-Kilometer-Sperrzone eingerichtet. Möglicherweise können die Bewohner nie wieder zurückkehren.

Der Steuerzahler soll über eine höhere Mehrwertsteuer an den Kosten des Wiederaufbaus beteiligt werden. Noch ist unklar, welche Summe das Land mit der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft für den Wiederaufbau aufbringen muss. Unklar ist auch, ob die Politiker im Kampf gegen die Folgen der Katastrophe zusammenarbeiten. Die Reformen, die Noda nach seinem Amtsantritt Ende August zugesichert hatte, scheinen auf der Strecke zu bleiben. Auch die Gründung einer unabhängigen Atomaufsicht könnte vom Parlament blockiert werden.

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